Technisches 

Rätsel Nr. 11, 24, 25, 31, 40, 46, 50A, 54, 56

 

Nahe an der geschäftigen Welt des Haushalts, doch nicht alltäglich, ist die Gruppe technischer Gegenstände und Erfindungen, die in der Berner Sammlung verrätselt werden. Dazu gehören nicht nur handwerkliche Instrumente, sondern auch der Bereich der Buchherstellung als Teil der vormodernen Informationstechnologie. Traditionelle Rätselgegenstände stehen dabei neben Ausgefallenem, Vertrautes neben Dingen, deren genaue Gestalt wir nur erahnen können, und auch hier spiegelt sich in den Texten eine Zeit des Übergangs. So erinnert das Wasserspiel des Druckrohrs an die technischen Wunder römischer Ingenieurskunst, während Hammer und Blasebalg uns in die Werkstatt eines spätantiken Schmieds blicken lassen und die Buch-Rätsel schon der mittelalterlichen Schreibstube anzugehören scheinen. Die unbelebte Welt aber ist einmal mehr vermenschlicht und spricht: Die Gestalt wird zum Körper, der Hohlraum zum Bauch, die Ausformung zum Kopf oder die Öffnung zum Mund. So dienen die technischen Dinge nicht nur dem Wohl der Menschen, sondern nehmen teil am Spiel des Lebens.

Enigma XLVI

De malleo

Una mihi toto cervix pro corpore constat,

Et duo libenter nascuntur capita collo.

Versa mihi pedum vice dum capita currunt,

Lenes reddo vias, calle quas tero frequenti.

Nullus mihi comam tondet nec pectine versat:

Vertice nitenti plures per oscula gaudent.

Rätsel 46

Der Hammer

Ein einziger Nacken ist mein ganzer Leib,

und zwei Köpfe wachsen munter aus dem Hals.

Obwohl meine Köpfe umgekehrt zu meinen Füßen laufen,

mache ich Wege glatt und trete sie in einen oft begangenen Pfad.

Keiner schert mein Haar oder richtet es mit dem Kamm:

viele freuen sich ob der Küsse von meinem glänzenden Scheitel.

Eine ähnliche Form wie die Mörserkeule (Nr. 53) hat der Hammer (Nr. 46: De malleo), weshalb auch er im Rätsel als groteskes doppelköpfiges Monstrum erscheint. Der »einzige Nacken«, aus dem sein Körper besteht, bezeichnet den Stiel (1) des Werkzeugs und die beiden aus dem Hals wachsenden Köpfe den doppelten Hammerkopf (2), der »umgekehrt« (versa … vice, 3) zu den Füßen, das heißt rechtwinklig am Ende des Stils, eingelassen ist (3). Dabei gleicht der Hammer mit seiner glatten metallenen Oberfläche einem Kahlköpfigen, der für seinen »glänzenden Scheitel« weder eine Schere noch einen Kamm braucht (5-6). 

     Die Funktion und den Nutzen des Hammers beschreiben die Verse 4 und 6 mit den Metaphern des Laufens und Küssens, die in der Berner Sammlung mehrfach vorkommen. Das wiederholte Hämmern nämlich gleicht sowohl dem Schlagen eines Pfades durchs Dickicht, sodass ein glatter Weg entsteht (4), als auch dem Verteilen von Küssen, über die sich zuletzt »viele freuen« (6). So kontrastiert die hässliche Gestalt des Rätseldings mit dessen ästhetischer Wirkung, und die ungewöhnliche Bildlichkeit deutet wohl weniger auf einen schweren Hammer, wie man ihn in der Eisenschmiede oder zum Einschlagen von Nägeln verwendete, sondern auf das feinere Werkzeug in der Hand des Silberschmieds, dessen Erzeugnisse allseits gefallen. 

Enigma LIV

[De follibus]

Duo generantur multo sub numero fratres,

Nomine sub uno divisus quisque natura.

Pauper atque dives pari labore premuntur;

Pauper semper habet divesque saepe requiret.

Caput illis nullum, sed os cum corpore cingunt.

Nam stantes nihil, iacentes sed plurima portant.

Rätsel 54

Der Blasebalg und der Geldbeutel

Zwei Brüder werden unter großer Anzahl erzeugt;

unter ein und demselben Namen ist jeder von Natur aus unterschieden.

Der Arme und der Reiche sind mit der gleichen Arbeit belastet;

der Arme hat stets, und der Reiche verlangt oft mehr.

Sie haben keinen Kopf, aber umfassen mit dem Körper den Mund.

Verharren sie, bringen sie nichts, doch liegen sie da, vieles.

In den Handschriften ist das Rätsel – wie die vorausgehende Nr. 53 – ohne Lösung überliefert. Brandt (1883) schlug deshalb die Antwort »Waagschalen« vor, während Glorie (1968) an den Kettbaum eines Webstuhls (lat. insubulum) dachte. In beiden Fällen sind damit höchstens Teilaspekte des Rätsels erklärt, nicht aber das unterschiedliche Wesen der zwei gleichnamigen »Brüder« (1), von dem die sechs Verse handeln. Gemeint sind also zwei verschiedene Dinge, die das Lateinische mit ein und demselben Wort bezeichnet, weshalb das Rätsel ausnahmsweise nicht in der Ich-Form geschrieben ist. 

     Eine solche Lösung könnte das maskuline follis sein, womit man einen Ball, einen Blasebalg oder – in spätrömischer Zeit – einen Geldbeutel samt den darin enthaltenen Münzen bezeichnete (so noch bei Isidor, etym. 16, 18, 11). Aus dieser Vielzahl der Bedeutungen (»unter großer Anzahl«, 1) fokussiert das Rätsel zum einen den Blasebalg als den »Armen« und zum anderen den Geldbeutel als den »Reichen« des Brüderpaars. Trotz allem »gleich« ist ihre Arbeit, da sie beide einnehmen und ausgeben: der Balg die Luft, die er »stets hat«, und der Beutel das Geld, das in diesem mitunter fehlt (3-4). Was die zwei Verschiedenartigen dennoch verbindet, ist ihr Äußeres: Ihr kopfloser »Körper« nämlich ist die lederne Tierhaut, aus der sowohl die Luftkammer des Blasebalgs als auch der Geldbeutel bestehen, während der »Mund«, der den Körper umschließt, die Düse bzw. die Öffnung des Beutels bezeichnet (5). Nicht ganz einfach ist die Deutung des letzten Verses, doch das Bild vom gegensätzlichen Stillstehen und Liegen, das ähnlich auch im Schiff-Rätsel (Nr. 11) vorkommt, passt zum Blasebalg, verwendeten doch schon die Römer in ihren Eisenschmieden größere liegende Gebläse und beidhändig bediente Doppelbälge mit Griffen und langen Düsen. Und auch der Geldbeutel »bringt« schließlich nur dann etwas, wenn das Geld auf dem Tisch statt verborgen in der Truhe liegt.

     Als Rätselgegenstand findet sich der Blasebalg zuerst bei Symphosius (Nr. 73: Uter, nebst Follis) und später auch bei Aldhelm (Nr. 11: Poalum), dem ein größeres Gerät mit zwei Bälgen als atmende aber leblose »Zwillingsbrüder« vorschwebt. Einige Handschriften setzen dazu erklärend die Pluralform Folles bzw. De follibus, was womöglich auch der ursprüngliche Titel des Berner Rätsels war.

Enigma XXXI

De nympha

Ore mihi nulla petenti pocula dantur,

Ebrius nec ullum reddo perinde fluorem.

Versa mihi datur vice bibendi facultas

Et vacuo ventri potus ab ima defertur.

Pollice depresso conceptas denego limphas

Et sublato rursum diffusos confero nimbos.

Rätsel 31

Die Druckwasserleitung

Meinem verlangenden Mund werden keine Becher gereicht,

und trunken gebe ich ebenso keine Flüssigkeit zurück.

Umgekehrt macht man, dass ich trinken kann, 

und führt den Trunk aus der Tiefe in den leeren Bauch.

Senkt man den Daumen, verweigere ich das empfangene Wasser,

und hebt man ihn wieder, bringe ich Regenschauer.

Mit dem poetischen Titel De nympha (»Vom Wasser«) ist das Rätsel Nr. 31 in den Handschriften überschrieben, der drin beschriebene Gegenstand ist jedoch eine Druckwasserleitung, genauer ein Saugrohr oder Saugheber, mit dem sich Flüssiges durch den hydrostatischen Druck von einem Punkt an einen anderen, tiefergelegenen Punkt leiten lässt. Saugrohre verwendete man seit dem frühen Altertum etwa zum Umfüllen von Getränken oder in der Bewässerung. Römische Ingenieure nutzten das Prinzip für den Bau ihrer Aquädukte, deren Druckwasserleitungen aus mehreren Bleirohren bestanden und ganze Täler überwinden konnten und deren tiefster Punkt man als »Bauch« (venter) bezeichnete (Vitruv, 8, 6, 5-6).

     Einen solchen hat auch das im Berner Rätsel personifizierte Gerät, das, ohne aus Bechern zu trinken, dennoch »trunken« ist (1-2): Die Öffnung des Rohrs ist sein »Mund« (1) und das Innere sein »Bauch« (4). Ist dieser voll, so kann nichts herausfließen (2), sondern das Wasser steigt zunächst durch den Druck »aus der Tiefe« (4), um zuletzt wie ein Regenschauer auszutreten, sobald man den Daumen von der Öffnung nimmt (5-6).

     Ein Wasserrohr aus Holz beschreibt ein Rätsel bei Symphosius (Nr. 72: Tubus), das ebenfalls die lymphae (Wasser) erwähnt, ansonsten aber keine der technischen Details enthält, die das Berner Rätsel auszeichnet. Die Behandlung des Themas ist in der antiken und mittelalterlichen Rätselliteratur singulär und bezeugt die Vorliebe für das Ausgefallene, wie sie für die Berner Sammlung typisch ist. Die Bezeichnung für ein Saug- oder Druckwasserrohr im klassischen Latein ist sipho (m.), was zur männlichen Form ebrius (»trunken«, 2) passt. Den Begriff kennt noch Isidor von Sevilla (etym. 20, 6, 9) für eine als Feuerspritze gebrauchte Pumpe. Den späteren Kopisten, die uns das Rätsel überliefern, war das Wort wohl nicht mehr geläufig.

Enigma XL

De muscipula

Vinculis extensa multos conprendo vagantes

Et soluta nullum queo conprendere pastum.

Venter mihi nullus, quo possint capta reponi,

Sed multa pro membris formantur ora tenendi.

Opes mihi non sunt, sursum si pendor ad auras,

Nam fortuna mihi manet, si tensa dimittor.

Rätsel 40

Die Mausefalle

Bin ich aufgespannt, fange ich viele Rastlose mit Fesseln,

doch gelöst, kann ich keine Nahrung fangen.

Ich habe keinen Bauch, wo das Erbeutete liegt,

aber viele Mäuler sind dazu da, die Glieder festzuhalten.

Reich werde ich nicht, hängt man mich in die Lüfte,

doch bleibt mir das Glück treu, stellt man mich gespannt auf.

Ein kurioser Rätselgegenstand ist auch die Mausefalle (Nr. 40: De muscipula), die, ohne selber einen »Bauch« zu haben, dennoch wie ein Vielfraß »Nahrung« erbeutet (2-3). Gemeint sind damit natürlich die flinken Mäuse, die »vielen Rastlosen« (vagantes), die wie in »Fesseln« gelegt in der Falle festsitzen (1, 4). Dabei lassen die Details vermuten, dass hier keine Klotzfalle beschrieben ist, bei der ein Holzstück auf die Maus herunterfällt und diese tötet, sondern eine sogenannte Torsionsfalle, die entweder »aufgespannt« (extensa, 1; tensa, 6) oder »gelöst« (soluta, 2) ist und die, wenn sie zuschnappt, ähnlich einer Vogelfalle dank ihrer Öffnungen oder »Mäuler« (4) die Tiere vielleicht sogar lebend fängt. 

     Brett-, Klotz- und Torsionsfallen für Mäuse und Ratten verwendete man schon im Altertum. Bekannt sind die beiden hölzernen Fallen in der Schreinerwerkstatt des heiligen Joseph im Mérode-Triptychon des Meisters von Flémalle (um 1425/28), die auf Christi Tod am Kreuz als »Mausefalle des Teufels« verweisen. Die Vorstellung geht auf Augustinus (serm. 263, 1) zurück und begegnet in der geistlichen Literatur des Mittelalters öfters. Bezeichnenderweise findet sich nichts davon im Berner Rätsel, dessen Sprecherin ihren Reichtum und ihr ganzes Glück darin findet, im Hier und Jetzt möglichst viele ahnungslose Nager in ihre Fänge zu locken. 

Enigma XI

De nave

Mortua maiorem vivens quam porto laborem.

Dum iaceo, multos servo, si stetero, paucos.

Viscera si mihi foris detracta patescant,

Vitam fero cunctis victumque confero multis.

Bestia defunctam avisque nulla me mordit,

Et onusta currens viam nec planta depingo.

Rätsel 11

Das Schiff

Tot trage ich größere Last als lebendig.

Während ich liege, hüte ich vieles, wenn ich stehe, weniges.

Sind meine Eingeweide ausgenommen und offen da,

bringe ich allen Leben und schaffe vielen Nahrung herbei.

Einmal gestorben, beißen mich weder Tier noch Vogel,

und gehe ich beladen meinen Weg, hinterlasse ich keine Fußspur.

Das Rätsel vom Schiff (Nr. 11: De nave) ist ein typisches Beispiel eines Verwandlungsrätsels. Ein solches beschreibt, wie etwas von Menschenhand aus seinem ursprünglichen in seinen jetzigen Zustand überführt wird. Meist geschieht dies mittels einer Reihe von Gegensatzpaaren, die die beiden Zustände als gesonderte Abschnitte einer Biographie miteinander in Bezug setzen. Häufig verändert das Rätselding dabei sein Alter oder Aussehen, verlässt seinen angestammten Lebensraum und verrichtet zuletzt in der Gesellschaft der Menschen seinen Dienst zum Wohl aller. 

     Die Verwandlung im Berner Rätsel betrifft das sprechende Schiff und den Baum, aus dessen Holz die Schiffplanken bestehen. Tot und lebendig, liegen und stehen, leer und beladen sind die Gegensatzpaare, die sich auf die beiden beziehen. Lebend nämlich steht der Baum im Freien, umgeben von Tieren (2, 5); ist er aber gefällt und »tot«, trägt sein Holz »größere Last« (1) in der Form von Nahrungsgütern, die wie »Eingeweide« im Bauch des auf dem Wasser liegenden Schiffs verstaut sind (3-4). Beschrieben ist also kein Kriegs-, sondern ein Handelsschiff, das, obgleich selbst leblos, auf seinem Weg »allen Leben« bringt (4), ohne dass von dessen Kielwasser am Ende ein Fußabdruck bleibt. Die Verwandlung wird zur Wiedergeburt und zur Reise vom Wald aufs Wasser.

     Mit dem Bild der vielen Wege, auf denen das Schiff keine Spuren hinterlässt, schließt schon Symphosius seinen Dreizeiler zum selben Thema (Nr. 13: Navis) und auch bei ihm ist das hölzerne Schiff eine »Tochter des Waldes«. Ob hier eine direkte Abhängigkeit vorliegt oder ob beide Rätsel auf ein und denselben Motivschatz zurückgreifen, lässt sich nicht sagen. 

Enigma XXIV

De membrana

Lucrum viva manens toto nam confero mundo

Et defuncta mirum praesto de corpore quaestum.

Vestibus exuta multoque vinculo tensa,

Gladio sic mihi desecta viscera pendent.

Manibus me postquam reges et visu mirantur,

Miliaque porto nullo sub pondere multa.

Rätsel 24

Das Pergament

Solange ich lebe, verschaffe ich der ganzen Welt Reichtum,

und tot gewähre ich aus meinem Leib wunderbaren Gewinn.

Der Kleidung beraubt und mit Fesseln gestreckt,

hängen so meine vom Messer zerschnittenen Eingeweide.

Später bestaunen mich Könige mit Händen und Augen,

und viele Tausende trage ich ohne irgendein Gewicht.

Enigma LA

[De membrana]

Multimodo matris divellor opere membris

Et truncata multum reddor de minimo maior.

Fateor intacta firmis consistere plantis;

Opera nullius virgo momenti relinquo.

Solida disiungor, rursum soluta reformor,

Quo secura meis credantur liquida membris.

Rätsel 50A

Das Pergament

Mit viel Aufwand entreißt man mich den Gliedern der Mutter,

und mehrfach beschnitten, werde ich von sehr klein zu sehr groß.

Unberührt, sage ich, stehe ich auf festen Füßen;

ungebraucht hinterlasse ich bloß wertlose Werke.

Bin ich ganz, werde ich getrennt, bin ich lose, werde ich wieder hergestellt, 

und so vertraut man, dass in meinen Gliedern Flüssiges geschützt ist. 

Die zunehmende Verwendung von Pergament als Beschreibstoff in der christlichen Spätantike bedeutete das Ende der Papyrusrolle, so dass ab dem 4. Jahrhundert der Kodex mit seinen gefalteten und gehefteten Pergamentblättern zur hauptsächlichen Form des Buches im lateinischen Westen wurde. Anders als Papyrus war Pergament dauerhaft, ließ sich auf beiden Seiten beschreiben und hatte den Vorteil, dass es überall hergestellt werden konnte. Die einzelnen Schritte bei der Pergamentbereitung sind das Thema von gleich zwei Rätseln der Berner Sammlung (Nr. 24 und 50A); in zwei weiteren (Nr. 25 und 56) geht es um das geschriebene Wort. Damit gehören die vier Stücke zur Untergattung der Buch- oder Schriftwesen-Rätsel, die schon bei Symphosius und später speziell bei den angelsächsischen Dichtern des 7. bis 10. Jahrhunderts begegnen, in deren klösterlichen Skriptorien und Schulzimmern die Rätseldichtung eine wichtige Rolle einnahm. Die Berner Beispiele sind auch hier eine Art Bindeglied zwischen der antiken und der mittelalterlichen Welt, indem sie zwar Motive der späteren Buch- und Schreibrätsel vorwegnehmen, jedoch noch frei sind von deren religiös-monastischem Denken und allegorischer Sprache.

     Für die Pergamentherstellung verwendete man vorzugsweise die Haut von Schafen, Ziegen oder Kälbern. Diese wurde zunächst in einer Kalklauge gebeizt (und nicht gegerbt wie Leder), von Haaren und Fettresten befreit und anschließend zum Trocknen mit Stricken auf einen Rahmen gespannt, bevor man die Oberfläche mit einem scharfen Schabeisen reinigte und mit Bimsstein glättete. Diese Verwandlung vom Tier zum Buch beschreibt in knappster Form das erste Berner Pergament-Rätsel (Nr. 24: De membrana) in drei Schritten. Die ersten beiden Verse handeln vom Nutztier, das lebend den Menschen Nahrung und »Reichtum« (1) verschafft, tot aber, nämlich als Beschreibstoff, einen zusätzlichen geistigen »Gewinn« (1) bringt. Die Verse 3-4 beschreiben, wie die Tierhaut aufgespannt und vom Pergamentmacher enthaart und gereinigt wird, bis zuletzt – in den Versen 5-6 – das fertige Buch in den Händen der staunenden Menschen liegt, voller zahlloser Worte und Buchstaben, die es dennoch nicht beschweren. Dass der Kodex hier ein Objekt der Begierde und der Bewunderung von »Königen« (reges, 5) ist, unterstreicht den hohen Wert, den schon das Altertum dem Buch beimaß, und passt zum profanen Kontext der Berner Sammlung. 

     Das zweite Rätsel zum gleichen Thema (Nr. 50A: De membrana) variiert und erweitert die Motive. Das Tier ist hier die »Mutter«, die zu Lebzeiten »auf festen Füßen« steht und aus der die Haut geschnitten wird, um ein möglichst großes Stück Pergament zu gewinnen (1-3). Erneut ist der intellektuelle Nutzen des Buchs gemeint, wenn es heißt, dass die Tierhaut wertlos sei, solange man sie nicht brauche (4), während die scheinbaren Paradoxa des abschließenden Verspaars sich auf die Verarbeitung des Pergaments zu Blättern beziehen: Zunächst noch »ganz«, werden die geglätteten Häute vom Rahmen gelöst (»getrennt«) und beschriftet, bevor man sie zuschneidet, falzt und die Lagen zu einem Buchblock zusammenheftet (5). So wird aus den Teilen ein Ganzes, dessen Seiten »Gliedern« gleichen, in denen »Flüssiges« – nämlich die Tinte des Schreibers – auf Dauer »geschützt« ist (6).

     Das Rätsel ist in nur einer einzigen der frühen Handschriften und ohne einen Titel überliefert und wurde erstmals 1914 von Strecker in seiner Ausgabe der Berner Sammlung gedruckt (deshalb die nachträgliche Nummerierung). Spätere Kommentatoren schlugen die Lösung »charta« (Papier, Papyrusblatt) vor, jedoch sprechen die Details und die Parallelen zum Rätsel Nr. 24 mehr für das tierische Pergament als für den pflanzlichen Papyrus, den zwar das Berner Rätsel Nr. 27 zum Thema hat, freilich ohne dass darin vom Papyrusblatt als Beschreibstoff die Rede ist. Kommt hinzu, dass die doppelte Erwähnung der »Glieder« (membris, 1 und 6), die das Rätsel gleichsam umrahmt, auf das Lösungswort membrana anspielt, von dem Isidor (etym. 6, 11, 1) sagt, dass das Pergament deshalb so heiße, »weil es von den Gliedern (ex membris) des Viehs abgezogen wird«.

Enigma XXV

De litteris

Nascimur albenti loco sed nigrae sorores;

Tres unito simul nos creant ictu parentes.

Multimoda nobis facies et nomina multa,

Meritumque dispar vox et diversa sonandi.

Numquam sine nostra nos domo detenet ullus,

Nec una responsum dat sine pari roganti.

Rätsel 25

Die Buchstaben

An einer weißen Stelle doch als schwarze Schwestern werden wir geboren;

Drei Eltern zeugen uns zusammen in einem einzigen Streich.

Mannigfach ist unser Aussehen und viele Namen haben wir,

auch ist unser Wert ungleich und jede Stimme klingt verschieden.

Niemand kann uns jemals außerhalb unseres Hauses festhalten,

auch antwortet keine, ohne dass man entsprechend fragt.

Als »Haus« (5) voller Wörter erscheint der Kodex im Rätsel von den Buchstaben (Nr. 25: De litteris), das vom Schreiben und Lesen handelt. Die im Lateinischen femininen Buchstaben sind hier die »schwarzen Schwestern«, die sich von den »weißen« Pergamentseiten abheben (1), und ihre »drei Eltern« sind die Finger der schreibenden Hand (2). Dabei sehen die einzelnen Lettern nicht nur unterschiedlich aus und heißen verscheiden (3), sondern jede hat auch ihren eigenen Lautwert und somit eine eigene »Stimme« (vox, 4). Diese erklingt, wenn wir lesen, was im abschließenden Vers als Dialog zwischen Leser und Text beschrieben wird: Wer liest und entziffert, »fragt«, und das Geschriebene »antwortet« (6).

     Möglichst weißes und feines Pergament oder vellum stellte man seit der Spätantike aus geglätteter und mit Kreide behandelter Kälberhaut her. Schwarze Tinte gewann man durch die Mischung eines Bindemittels mit Wasser unter Beifügung von Ruß. Als Schreibgriffel (der im Rätsel nicht erwähnt ist) diente der Kalamos aus zugespitztem Schilfrohr, der im Frühmittelalter durch die Vogelfeder ersetzt wurde. Anders als heute war auch das Lesen, denn man las meist laut, sodass – wie es im Rätsel heißt – die verschiedenen »Stimmen« der Buchstaben und Silben tatsächlich zum Klingen kamen, als würden sie sprechen und antworten.

Die sechs Verse nehmen eine ganze Reihe von Motiven vorweg, die in den späteren angelsächsischen Rätselsammlungen mehrfach vorkommen: das Bild der Buchstaben als »Schwestern« und deren Entstehung durch die drei Finger der schreibenden Hand etwa, aber auch der Kontrast der schwarzen Tintenfarbe auf dem weißen Grund des Pergaments und die Metapher der »antwortenden« Schrift. Das Kopieren langer Texte in den mittelalterlichen Skriptorien wurde oft als mühsame Arbeit empfunden. Ein beliebter Spruch, den die Schreiber gerne als Kolophon verwendeten, lautete: »Tres digiti scribunt totum corpusque laborat« (Drei Finger schreiben, doch der ganze Körper müht sich ab). Davon ist im Berner Rätsel nichts zu spüren; stattdessen finden wir die üblichen Gegensatzpaare und das witzige Paradox der gleichzeitigen »drei Eltern«, deren viele Kinder so unterschiedlich sind. Dass diese »in einem einzigen Streich« (unito … ictu, 2) gezeugt werden, spielt mit der obszönen Nebenbedeutung des Wortes ictus (Schlag, Stoß) – auch dies ein Element, das sich speziell unter den volkssprachlichen Rätseln des Mittelalters wiederfindet.

Enigma LVI

De verbo

Una mihi soror, unus et ego sorori.

Coniux illa mihi, huius et ego maritus,

Numquam uno simul toro coniungimur ambo,

Sed de longe meam praegnantem reddo sororem.

Quotquot illa suo gignit ex utero partus,

Cunctos uno reddo tectos de peplo nepotes.

Rätsel 56

Das Wort

Eine einzige Schwester habe ich und mich allein hat die Schwester.

Meine Gattin ist sie und ich ihr Gatte.

Nie sind wir beide in einem Bett gemeinsam vereint,

aber aus der Ferne mache ich meine Schwester schwanger.

Wie viele Kinder sie auch aus ihrem Leib zeugen mag,

ich mache, dass ein einziges Gewand alle Nachkommen deckt.

Schwierig und bis anhin nicht vollständig erklärt worden ist das Rätsel vom Wort (Nr. 56: De verbo). In den zwei ältesten Handschriften fehlt zwar der Titel (Berlin, Staatsbibliothek) bzw. ist dieser zusammen mit den Anfangszeilen verloren gegangen (Bern, Burgerbibliothek), die übrigen Textzeugen, die die Zeilen vollständig überliefern, identifizieren das Rätselding jedoch unmissverständlich als verbum (Wort). Dennoch haben einige Herausgeber – zu Unrecht und ohne überzeugende Argumente – hier ein kosmologisches Rätsel vermutet, das die Sonne als »Bruder« des Mondes beschreiben soll. 

     Zu einer plausibleren Erklärung gelangt man, wenn man die im Rätsel beschriebenen Familienverhältnisse im Sinne der spätantiken Sprachtheorie auflöst und das Geschwisterpaar des ersten Verses als geschriebenes und gesprochenes Wort deutet. Der männliche Sprecher ist das im Titel genannte geschriebene Wort (verbum), dem als »einzige Schwester« (1) das gesprochene Wort (die feminine vox articulata) entspricht. Geschwister sind sie, da sie beide Erscheinungsformen ein und derselben Sache sind; und je alleinig sind sie, da alle Wörter, sofern sie Sinn machen, entweder schriftlich oder mündlich existieren. Das vermeintlich inzestuöse Verhältnis der beiden Geschwister als gleichzeitige »Gattin« bzw. »Gatte« (2) erklärt sich aus den daraus entstehenden »vielen Kindern« (5). Gemeint ist damit die ihrerseits aus Wörtern bestehende Rede (oratio), die durch die Beziehung zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort zustande kommt, ohne dass die zwei »in einem Bett« vereint« sind, da Schrift und Rede sich stets nur sinngemäß und gleichsam »aus der Ferne« (4), nicht aber physisch verbinden. Das alles umfassende »Gewand« schließlich, das zuletzt die so gezeugten sprachlichen »Nachkommen« einhüllt (6), könnte die Grammatik (grammatica) sein, die »Kenntnis des richtigen Redens« – wie es Isidor von Sevilla formuliert – und die »Grundlage der freien Künste« (etym. 1, 5, 1).

     Vom gesprochenen Wort (vox articulata) als Teil der Grammatik und von der Verbindung zwischen Stimme (vox) und Wort (verbum) spricht Isidor anderenorts (etym. 1, 5, 4 bzw. 3, 20, 2), wie sich überhaupt die hier verrätselten Begriffe und Konzepte nicht nur bei den römischen Grammatikern (Varro, Donatus, Priscian), sondern auch bei den frühchristlichen Autoren (Augustinus, Cassiodor) verschiedentlich erklärt finden. Dass die für das Altertum und das gesamte Mittelalter so prägende Tradition der Grammatik und Rhetorik dem Berner Rätseldichter vertraut war, bezeugt auch das Buchstaben-Rätsel (Nr. 25) mit seinem Hinweis auf die unterschiedlichen Laute und »Stimmen« (vox) des Alphabets.

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Published July 2021

How to quote this site:

Bitterli, Dieter. “Technisches.” Die Berner Rätsel. 2021. [online]. Available at: https://www.enigmata.ch/technisches