Zeit und Herkunft 

 

Die bisherige Forschung

Was die Frage des Alters und der möglichen Autorschaft der Berner Rätsel betrifft, so ist die Fachwelt mehrheitlich den Überlegungen Wilhelm Meyers (1886, ergänzt 1905) gefolgt. Während Riese mit seiner Aufnahme der »aenigmata hexasticha barbarie horrida« in die Anthologia Latina (1869) die Sammlung noch grob in der Spätantike verortet hatte, so datierte Meyer in seinen Studien zur mittellateinischen Rhythmik diese »in das 7. oder 8. Jahrhundert« und erwog die Lombardei als deren Ursprungsort. Dafür sprächen zum einen die für die Region typischen rhythmischen Hexameter, die sich auch in langobardischen Grabinschriften der Zeit fänden, und zum anderen die in den Rätseln behandelten Themen, die, so Meyer, »auf das Land zwischen den Alpen und der Küste von Genua« passten. Noch weiter ging Max Manitius (1881 und 1911) und vermutete eine Verbindung zur 614 vom irischen Mönch Columban gegründeten norditalienischen Abtei Bobbio: »Der Sprachgebrauch weist am meisten auf das 7. Jahrhundert … Vielleicht aber kann man aus dem großen Interesse, das er [d.i. der Verfasser] für die Gewächse des Südens zeigt, schließen, daß er Mönch in Bobbio war und zu den Iren gehörte«. Auf Letzteres deute die schwerfällige Sprache der Berner Rätsel, die zwar den Einfluss der Tristichen des spätrömischen Rätseldichters Symphosius (4./5. Jah.) zeigten, jedoch »viel schwerer verständlich« seinen als diese. Den Überlegungen Meyers – nicht aber Manitius’ Hypothese einer Bobbienser Verbindung – folgte Karl Strecker (1914) in seiner kritischen Ausgabe, insbesondere wegen der formalen Verwandtschaft zu den langobardischen Epitaphien und der »südländischen« Rätselthemen (Rebe, Ölbaum, Kastanie, Papyrus usw.); die Berner Sammlung sei von Symphosius beeinflusst, doch ob sie vor oder nach derjenigen des Angelsachsen Aldhelms († 709/10) entstand, lasse sich nicht beurteilen. Die Mehrzahl der späteren Kommentatoren haben sich dem angeschlossen, so Dag Norberg (1958), François Glorie (1968) in seiner Ausgabe, Günter Bernt (1968), Paul Klopsch (1972), Franz Brunhölzl (1975), Gabriel Silagi (1980), Zoja Pavlovskis (1988), Peter Dronke (2000) und andere. Dass der Autor, wie Manitius spekulierte, möglicherweise ein Ire aus Bobbio sei, hat die Forschung hingegen mehrheitlich verworfen.

    Zuletzt haben Thomas Klein (2019) und Giulia Farina (2020) die Stellung der Berner Rätsel innerhalb der lateinischen Rätseltradition neu zu beurteilen versucht. Wie andere vor ihm vermutet Klein den Ursprungsort der Sammlung im Mittelmeerraum; beeinflusst von Symphosius, scheinen die Berner Rätsel ihrerseits auf diejenigen Aldhelms gewirkt zu haben, wie eine Reihe thematischer und sprachlicher Parallelen zeige. Der Angelsachse aber gehe über seine Vorgänger hinaus, indem bei ihm die Behandlung traditioneller Themen komplexer und abstrakter sei. Sollte Aldhelm die Berner Sammlung oder Teile davon tatsächlich gekannt und weiterentwickelt haben, so muss diese einige Zeit vor 685, dem spätesten Datum der Überarbeitung der Aenigmata, entstanden sein. Für Farina steht weder dies noch die oberitalienische Herkunft der Berner Rätsel fest: Das Versmaß der der rhythmischen Hexameter begegne genauso in frühmittelalterlichen Texten außerhalb Italiens, auch sei es denkbar, dass die Berner Sammlung jünger sei als diejenige Aldhelms.

 

Erkenntnisse aus den Handschriften

Näheres zur Entstehung und Heimat der Berner Rätsel erschließt sich zunächst aus dem Vergleich der erhaltenen Handschriften. Einen ungefähren terminus ante quem für die Datierung lässt sich aus dem ältesten Textzeugen, dem sechsteiligen Codex Bernensis 611 gewinnen. Dieser enthält in Teil IV (fol. 94r-96v) einen auf 727 datierten Computus paschalis samt einer Ostertafel für die Jahre 727-748, was zu den übrigen Teilen der Handschrift passt, die alle in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts vermutlich in Ostfrankreich entstanden. Die Texte, die in Teil III (fol. 42-93) den Rätseln vorausgehen bzw. folgen, stammen – soweit sie sich zuweisen lassen – mehrheitlich aus dem 5. bis 7. Jahrhundert. Die Rätselsammlung muss also spätestes zu Beginn des 8. Jahrhunderts in der Form vorgelegen haben, die uns die Berner Handschrift überliefert, und es scheint, dass diese den ursprünglichen Bestand zeigt. Wie bereits beschrieben, enthielt Cod. 611 einst vierzig sechszeilige Rätsel – eine runde Zahl, die vielleicht in Anlehnung an die exakt hundert Aenigmata des Symphosius zustande kam. In der Abfolge der einzelnen Gedichte lässt sich eine grobe Ordnung erkennen, die einen Bogen von der Sphäre des Häuslich-Unmittelbaren über die belebte und unbelebte Natur hin zu den fernen Himmelskörpern schlägt. Das verlorene, im Inhaltsverzeichnis aber erwähnte Rätsel vom Topf (De olla) eröffnet eine Reihe von Stücken über Alltagsdinge aus Haus und Hof, einschließlich der Tier- und Pflanzenwelt, wobei sich thematische Paarungen und kleine Gruppen erkennen lassen: Tisch und Becher (Nr. 5 und 6), Mühlstein und Saatkorn (Nr. 9 und 12), Ölbaum und Palme (Nr. 14 und 15), Honig und Bienen (Nr. 20 und 21), Pergament und Buchstaben (Nr. 24 und 25) oder Rose, Lilie und Safran (Nr. 34-36). Nach dem fehlenden Blatt folgen fol. 79r-80v abschließend die kosmologischen Rätsel über Sonne, Mond, Himmel, Sterne und Schatten (Nr. 57-62). Bezeichnend ist, dass innerhalb der Sammlung, wie sie sich im Berner Codex präsentiert, einzig der Mond zweimal verrätselt ist, wobei das eine der beiden Stücke (Nr. 59) De luna überschrieben ist, während das andere (Nr. 58), das die Mondphasen beschreibt, mit dem Titel De rota den in der Komputistik vielfach verwendeten Begriff vom »Rad« verwendet. 

    Die teilweise gleiche Abfolge zeigt der Berliner Phillippicus 1825, die um 800 in Verona entstandene, zweitälteste Handschrift. Wie schon Strecker bemerkte, wurden die insgesamt 62 Rätsel darin in zwei Serien kopiert: zuerst (fol. 37v-43r) die Nummern 1-20, 22, 28-31, 24-27, 32-41, 43, 49, 55 und 57-62, und danach (fol. 43r-44v) die übrigen vierzehn, teils titellosen Stücke.  Die erste Serie verfolgt damit dieselbe Ordnung vom schlichten Kochtopf zum erhabenen Sternenhimmel, die schon im Bernensis und auch in den späteren Handschriften erkennbar ist. Vergleicht man die Abfolgen, so könnte es sein, dass das im Berner Codex vor fol. 79 verlorene Blatt womöglich die Rätsel Nr. 37 (Pfeffer), 38 (Eis), 39 (Efeu) und Nr. 41 (Wind) oder Nr. 49 (Regen) enthielt, die in der Berliner Handschrift auf die Gruppe Rose–Lilie–Safran (Nr. 34-36) folgen – so zumindest schlösse sich die Lücke stimmig und ohne Wiederholungen. Tatsächlich nämlich tauchen diese erst ab dem 9. Jahrhundert auf: die beiden Rosen (Nr. 34 und 52), die Seide bzw. Seidenwürmer (Nr. 28 und 43), das Eis (Nr. 38 und 42), die Sonne (Nr. 55 und 57) und der Mond (Nr. 58 und 59, stets als luna) in allen Textzeugen; hinzu kommen das Pergament (Nr. 24 und 50A) und der Wein (Nr. 50 und 63) in den Handschriften Berlin bzw. Leipzig. Die insgesamt sieben Verdoppelungen fallen somit alle in die Karolingerzeit ebenso wie die Zuschreibung der Sammlung an einen »Tullius« im Berliner Codex und in der verlorenen Reichenauer Handschrift. Gemeint ist damit Marcus Tullius Cicero, dessen Werke im Frühmittelalter oft unter diesem Einzelnamen zirkulierten. Der antikisierende Gestus ist typisch für die Epoche und passt zu einem intellektuellen Milieu wie demjenigen an der Hofschule Karls den Großen, in dessen Gelehrtenkreis man sich mit den Namen jener antiken Vorbilder ansprach, denen man nacheiferte, wie »Flaccus« für Alkuin von York, »Homer« für den dichtenden Hofkaplan Angilbert oder »Pindar« für Theodulf von Orléans.

    Wohl ebenfalls ein karolingischer Zusatz ist das zweite Berner Wein-Rätsel (Nr. 63), das sich mit seinen sechzehnsilbigen Versen von den restlichen vierzehnsilbigen Stücken unterscheidet und einzig in der Anthologie des Vaticanus und im Leipziger Codex überliefert ist, wo es als eigentlicher Anhang erst nach dem Prosarätsel De ove steht. Aufgrund des Akrostichons PAULUS, das die sechs Zeilen verbindet, haben Neff (1908) und andere das Gedicht dem langobardischen Geschichtsschreiber Paulus Diaconus († vor 800) zugeschrieben, der als Mönch im Kloster Montecassino und zwischen 782 und 786 am Hof Karls des Großen wirkte, wo er auch Rätselgedichte verfasste, doch war der Name bereits in der christlichen Spätantike verbreitet. Neff vermutet, dass Paulus Diaconus, von dem sich im der Leipziger Handschrift weitere Gedichte finden, zwar nicht der Autor der ganzen Rätselsammlung sei, doch diese »in etwas geglätteter Form« an Karls Aachener Hof vermittelt habe und dabei eine Kostprobe seiner eigenen Rätselkunst mitgeliefert habe. Beweisen lässt sich dies natürlich nicht, doch sollte der Langobarde letztlich nicht der Verfasser des Sechszeilers sein, so lässt sich hier vielleicht ein zeitgenössischer Versuch erkennen, die gewachsene Sammlung mit dem oberitalienischen Dichter und seinem Umkreis in Verbindung zu bringen. 

    Spätestens ab dem 9. Jahrhundert zirkulieren die Berner Rätsel unter der Bezeichnung Quaestiones enigmatum rethoricae artis (oder ähnlich), also als Rätselfragen und Stilmuster für den Lateinunterricht. Einen solchen Schulkontext legt bereits die Anlage des Cod. 611 der Burgerbibliothek nahe, wo die Rätsel mit diversen grammatikalischen Texten und Exzerpten zusammengebunden sind. So beinhalten fol. 42v-72r einen längeren Auszug aus der Ars grammatica des Asper Minor (oder Asporius), einer wahrscheinlich im frühen 7. Jahrhundert in Irland oder Frankreich entstandenen verchristlichten Version von Donatus’ Ars minor. Die nach fol. 72 verlorene Lage V im selben dritten Teil der Handschrift enthielt aus Isidors Etymologien ausgeschriebene Erklärungen zu literarischen Stilmitteln einschließlich des Rätsels (enigma). Weitere Exzerpte aus Isidor betreffen u.a. die im Bernensis vielfach verwendeten Tironischen Noten (fol. 72v); hinzu kommen eine kurze Zusammenstellung von Fragen und Antworten zur Grammatik (fol. 88r) und – am unteren Rand von fol. 77v – ein griechisch-lateinisches Alphabet. Dies alles sowie das kleine Format (18-19 x 14-14.5 cm) des Konvoluts weisen darauf, dass die Rätsel bereits im merowingischen Frankenreich im klösterlichen Schulunterricht Verwendung fanden.

 

Das Versmaß der rhythmischen Hexameter

Die Verbindung zwischen den grammatikalischen Notizen aus Isidor und den Rätseln ist in doppelter Hinsicht interessant. Die Rätsel nämlich sind nicht nur Musterbeispiele für die bei Isidor als »dunkle Frage« definierte Gattung des enigma, sondern ihr Versbau illustriert zugleich die im Frühmittelalter als prosa bezeichnete rhythmische Dichtung, die – so Isidor – von den Gesetzmäßigkeiten des Metrums »befreit« ist. Mit dem Schwinden des Empfindens für die Silbenquantitäten in der lateinischen Spätantike vollzog sich der Übergang von der metrischen (quantitierenden) zur rhythmischen (akzentuierenden) Poesie mit betontem Wortakzent. Die neuen rhythmischen Formen des Hexameters sind dabei unterschiedlich geregelt, von Commodians quasihexametrischen Gedichten seiner Instructiones (3. Jh.?) über Nachahmungen der klassischen Form mit schwankender Silbenzahl bis hin zu Strophen mit strengen Beschränkungen, wie wir sie in den regelmäßig gleichsilbigen Versen der Berner Rätsel finden. Jedes davon besteht aus sechs rhythmischen Hexametern zu drei Zeilenpaaren, die jeweils eine gedankliche Einheit bilden. Die Verse sind zweigeteilt und bestehen – außer bei Nr. 63 – alle aus 6 + 8 Silben mit festen Kadenzen betonter (hier /) und unbetonter (∼) Silben: Im ersten Halbverses ist stets die zweitletzte Silbe betont (paroxytonischer Schluss: /∼); im Achtsilber des zweiten Halbverses lautet der Ausgang in der Regel /∼∼/∼ wie in Rätsel 14, 1:

    Nullam ante tempus   inlustrem genero prolem,   /∼/∼/∼   ∼/∼/∼∼/∼

Der Anfang der ersten Vershälfte ist wie im obigen Beispiel mehrheitlich /∼ betont; bei dreisilbigen Wörtern ist die Folge /∼∼ zugunsten von ∼/∼ gemieden. Die Quantitäten werden dabei grundsätzlich vernachlässigt, doch klingen in den Zeilen klassische Muster nach, die eine Vertrautheit mit der Struktur des daktylischen Hexameters verraten wie ihn Symphosius in seinen Aenigmata verwendet.

    Aufgrund ihres Versbaus zählte Meyer (1882) die Berner Rätsel zu den »langobardischen« Hexametern, die er besonders in Epitaphien von oberitalienischen Bischöfen und Königsfamilien des frühen 8. Jahrhunderts erkannte. Als »Rhythmi Langobardici« druckte Strecker (1923) diese im selben Band der Monumenta, die auch seine Ausgabe der Berner Rätsel und weitere rhythmische Dichtungen der Merowinger- und Karolingerzeit enthält. Die Hexameter der langobardischen Grabinschriften bestehen aus zwei ungleichen Halbzeilen mit 6-8 + 7-9 Silben, meist 15 insgesamt, und haben denselben nachgebildeten Zeilenschluss /∼∼/∼ wie die Berner Verse, doch variiert die Silbenzahl – anders als in unseren Rätseln – auch innerhalb der einzelnen Inschriften. Außer in Italien finden sich rhythmische Hexameter im Spanien des 8. bis 10. Jahrhunderts, so in der früher Sisbert von Toledo (690/93) zugeschriebenen Exhortatio poenitenti oder im streng normierten Carmen de Petri apostoli liberatione e carcere (8. Jh.) mit seinen ebenfalls 6 + 8 Silben. 

    Inwieweit es sich bei einigen frühmittelalterlichen Hexametern tatsächlich um rhythmische Verse oder eher um ungelenke Nachbildungen handelt, ist in der Forschung umstritten. Die Grabinschrift für den Lombardenkönig Cunincpert († 700) mit ihren teils fehlerhaften Kadenzen etwa ist für Norberg (2004; zuerst 1958) nicht hexametrisch, während Klopsch (1972) von Anklängen und »Ersatzlösungen für den nicht mehr erreichbaren quantitierenden Vers« spricht . Die Berner Sammlung hingegen befolgt, wie schon die ersten Kommentatoren bemerkten, ein nach Wortakzent und Silbenzahl »streng einheitliches Schema« und zeigt über ihre insgesamt 384 Verse hinweg eine Regelmäßigkeit, wie sie sich so in den langobardischen Epitaphien nicht findet. Die Verbindung zum italienischen Kulturkreis aber gründet – so die traditionelle Auffassung – nicht allein auf den Charakteristika des Versbaus, sondern mehr noch auf der Auswahl der Rätselthemen.

 

Die mediterranen Themen

Tatsächlich behandelt die Berner Sammlung eine ganze Reihe von Themen aus der belebten und unbelebten Natur, die auf den Raum rund um das westliche Mittelmeer verweisen. Hinzu kommen allerlei Gegenstände und technische Dinge, in deren Schilderungen sich eine Nähe zur Welt der römischen Spätantike erkennen lässt, deren kulturelles Erbe in den ehemaligen südlichen Provinzen des Imperiums auch nach dessen Zerfall erhalten blieb. Die augenfälligsten Beispiele »mediterraner« Rätselthemen betreffen die Pflanzenwelt. Der Ölbaum (Nr. 14), der Stech-Wacholder (Nr. 16) und die Kastanie (Nr. 47), aber auch die Walnuss (Nr. 48) und die Weinrebe (Nr. 13) gehören genauso zur mittelmeerischen Flora wie das Veilchen (Nr. 33), die Rose (Nr. 34 und 52), die Lilie (Nr. 35) sowie besonders der Safran-Krokus (Nr. 36) und der Senf (Nr. 26). Den Kreis erweitern die in Nordafrika heimische Dattelpalme (Nr. 15) und die Papyrusstaude (Nr. 27). 

    Manches davon ist ausführlich beschrieben in der römischen Agrarliteratur eines Varro (1. Jh. v. Chr.) oder Columella und Plinius (1. Jh. n. Chr.). Die traditionelle Feststellung etwa, dass der Ölbaum nur in Meeresnähe wächst, findet sich prominent bei Plinius (nat. 15, 1) und Columella (de re rust. 5, 8, 5) und erklärt die Anspielung im Berner Rätsel auf die Feuchtigkeit, die vom Meer her die Olivenhaine günstig durchdringt (marinus … imber, 14, 4). Im Rätsel von der Dattelpalme (Nr. 15) decken sich die botanischen Beschreibungen nicht nur inhaltlich mit den Ausführungen bei Plinius (nat. 13, 28-50), sondern selbst die Bezeichnungen für das Blattwerk (coma), die Äste (rami), die Früchte (pomum, fructus) und deren Süße (dulcis) sind dieselben. Tatsächlich sind die Berner Rätsel, was die naturkundlichen Details betrifft, grundsätzlich näher an der Naturalis historia des älteren Plinius als an den Etymologien Isidors von Sevilla (7. Jh.), die wesentlich in die Aenigmata Aldhelms und seiner angelsächsischen Nachfolger eingeflossen sind. Die Details, die etwa die Ölbaum-, Palmen- und Papyrus-Rätsel prägen, sucht man bei Isidor vergebens – ebenso wie die Angaben zum Stech-Wacholder (Nr. 16: De cedria), dessen spitzen Nadeln und essbaren Zapfen Plinius (nat. 13, 52-53) beschreibt, während Isidor (etym. 17, 7, 33) unter cedria nur das Zedernharz kennt. Doch verarbeiten die Rätsel nicht bloß Buchwissen, sondern gründen wohl auch auf eigener Anschauung. So versetzt uns das Kastanien-Rätsel mitten in einen herbstlichen Kastanienwald, wo rundum die stacheligen Fruchtbecher herunterfallen: die vollen krachend, die leeren hingegen lautlos (14, 3-4) – ein für die Esskastanie typisches Phänomen, das keine der möglichen Quellen erwähnt und das in allen Kommentaren bisher falsch gedeutet wurde.

    Exotisches bildet die Ausnahme auch unter den Tierrätseln, wo speziell der Schwamm (Nr. 32), der schon bei Symphosius erscheint, derselben mediterranen Sphäre entstammt, zu der auch das Rätsel vom Meersalz (Nr. 3) gehört. Doch nicht nur bei den Themen aus der Natur, sondern selbst in der Dingwelt spürt man eine Vertrautheit und Unmittelbarkeit, in der die römische Spätantike aufscheint – so beim tönernen Öllämpchen (Nr. 2), dem Schemel (Nr. 4), dem Glasbecher (Nr. 6), dem Besen (Nr. 18), dem Saugrohr (Nr. 31) oder der Mörserkeule (Nr. 53). Verstärkt wird dieser Eindruck durch vereinzelte Anspielungen auf die antike Kultur: Die Arbeit, die der Besen im Haus verrichtet, ist niedriger als die einer Sklavin (vernacula, 18, 3), das Pflanzen des Saatkorns gleicht einer Urnenbestattung (urna, 12, 5), mit Salz lassen sich Leichen mumifizieren (3, 5), das Lamm wird geschlachtet, damit das Muttertier mehr Milch geben kann (22, 4), und der Wind ist mächtiger selbst als der große Alexander, der Naturgott Liber und der sagenhafte Herakles (41, 6).

 

Die antik-frühmittelalterliche Rätseltradition

Der natürliche, materielle und ideelle Raum, den die Berner Rätsel damit evozieren, ist in vielem näher an der paganen spätrömischen Kultur von Symphosius’ Aenigmata als an der christlichen Lebenswelt der angelsächsischen und karolingischen Rätselsammlungen mit ihrem Einbezug religiöser Themen und des monastischen Milieus, dem sie entstammen. Die fast schon beiläufige Erwähnung der biblischen Eva im Rätsel vom Mühlstein (»Ich bin älter als die Welt, älter als Eva bin ich«, 9, 1) ist denn auch die einzige explizit christliche Referenz innerhalb der Sammlung, freilich ohne dass deswegen die Zeilen anders zu lesen wären als ein wortspielerischer Hinweis auf die Urtümlichkeit des Rätseldings. 

    Der Einfluss der im 4. oder 5. Jahrhundert entstandenen hundert Aenigmata des Symphosius auf die Berner Rätsel ist unbestritten und betrifft sowohl die Form als auch den Inhalt. Symphosius’ epigrammartige Tristichen aus daktylischen Hexametern sind hier zu rhythmischen Sechszeilern verdoppelt. Beide Sammlungen folgen einem losen, aus assoziativen Gruppen gefügten Ordnungsprinzip und teilen sich nicht weniger als 21 Themen (vgl. die TABELLE 1; hier in Klammer die Nummer bei Symphosius, gefolgt von derjenigen der Berner Sammlung): Regen (9; 49), Eis (10; 38, 42), Fisch (12; 30), Schiff (13; 11), Ei (14; 8), Rose (45; 34, 52), Veilchen (46; 33), Mühlstein (51; 9), Weinrebe (53; 13), Ball/Tierblase (59; 7), Schwamm (63; 32), Laterne/Lampe (67; 2), Spiegel (69; 29), Wasser-/Saugrohr (72; 31), Blasebalg (73; 54), Leiter (78; 10), Besen (79; 18), Wein (82; 50, 63), Hammer (86; 46), Mörserkeule (87; 53) und Schatten (97; 61). Verwandt sind zudem die Themen Maus/Mausefalle (25; 40), Feuerstein/Feuer (76; 23), Tonflasche/Kochtopf (81; 1) und Knoblauchverkäufer/Knoblauch (94; 51). Besonders eng ist die Anlehnung bei den Rätseln vom Schwamm und vom Veilchen, wo zur gleichen Anschauung wörtliche Übernahmen hinzukommen; 20 weitere Stücke wiederholen ebenfalls Fügungen aus Symphosius, in zwei Fällen (31, 1; 30, 3: Vita mihi mors est und 85, 2; 56, 1: Una mihi soror) ist gar ein ganzer Halbvers kopiert (vgl. hierzu die TABELLE 2.1).

    Aus den Aenigmata des Spätrömers übernommen ist nicht nur das Stilmittel der Personifikation der sprechenden Rätseldinge – oft mit grotesken Anthropomorphismen unter Nennung von allerlei Körperteilen – , sondern auch die Bildlichkeit der Geburts- und Familien-Metaphern, die in der Berner Sammlung zu kleinen Geschichten des geheimnisvollen Werdens und Sich-Veränderns weiterentwickelt sind. Symphosius’ Tonflasche (Nr. 81: Lagena) etwa ist das Kind der Mutter Erde (Tellus, f.) und des väterlichen Feuers (Prometheus, m.), wobei die dieselbe Mutter das Geschöpf mit seinen »Öhrchen« und seinem »hohlen Bauch« zerstört, sobald die Flasche am Boden zerbricht. Das inhaltlich verwandte Berner Rätsel vom Kochtopf (Nr. 1: De olla) erweitert die Familie um einen zweiten Vater, wenn zum Feuer (ignis, m.) die ebenfalls männlich verstandene Tonerde (lutum, n.) tritt, die mithilfe des mütterlichen Wassers (aqua, f.) aufgeweicht und auf der Töpferscheibe geformt wird. Doch die Entstehung und Verwandlung führt hier nicht zu einem jähen Ende, sondern die Zeilen schließen mit einem Hinweis auf den Dienst und Nutzen des Rätseldings in der Gemeinschaft der Menschen, wenn zuletzt im Topf warmes Essen kocht.

    Diese typische Hinwendung zum Hier und Jetzt und der konsequent weltliche Charakter der Berner Sammlung unterscheidet diese wesentlich von den anglo-lateinischen Rätseldichtungen Aldhelms und seiner Nachfolger (Tatwin, Eusebius, Bonifatius, Alkuin), bei denen sich die Sphären der Schulrhetorik, des klösterlichen Lebens und der christlich-frommen Erbauung zu eleganten Kompositionen verbinden, die auch in der volkssprachlichen (altenglischen) Rätseldichtung nachhallen. Dennoch gibt es zahlreiche Berührungspunkte zwischen den Berner und den frühen englischen Rätseln, speziell zu den Aldhelmschen Aenigmata, wie die Kritik schon länger festgestellt hat. Insgesamt 19 Themen sind in beiden Sammlungen behandelt (vgl. TABELLE 1; hier in Klammer Aldhelm vor Bern): Erde (1; 45), Wind (2; 41), Wolke/Regen (3; 49), Sonne und Mond (6, 71; 55, 57-59), Sterne (8, 53, 58, 81; 62), Blasebalg (11; 54), Seidenspinner (12; 43), Salz (19; 3), Biene(nwachs) (20; 19, 21), Alphabet/Buchstaben (30; 25), Pfeffer (40; 37), Feuer/Funke (44, 93; 23), Kochtopf (49, 54; 1), Mühlstein (66; 9), Sieb (67; 17), Fisch (71; 30), Trinkbecher (80; 6) und Palme (91; 15). In acht dieser Paare sind die sprachlichen Parallelen so deutlich, dass die eine Sammlung die andere beeinflusst haben muss (vgl. TABELLE 2.2), und manches spricht dafür, dass die Berner Rätsel unter dem Eindruck von Aldhelms Aenigmata entstanden und also diesen zeitlich nachfolgen. Drei Gründe lassen diesen Schluss zu:

    (1) Drei karolingische Anthologien überliefern die Berner Rätsel zusammen mit denen Aldhelms und Symphosius’, doch existiert keine Handschrift der Sammlung aus dem frühen England. Aldhelms Carmina Ecclesiastica im Berliner Phillippicus (fol. 29r-37r) sind zwar womöglich aus einem (nicht erhaltenen) insularen Exemplar abgeschrieben – dafür sprechen nach Ehwald (1919) die Verwechslungen der in der angelsächsischen Minuskel ähnlichen Buchstaben r, s und p –, dies gilt aber nicht für die f. 37v-44v wohl von gleicher Hand kopierten Rätsel, die nicht dieselben Abschreibfehler aufweisen. 

    (2) Aldhelm verfasst seine Rätsel nach dem Muster der hundert Tristichen des Symphosius und führt diesen in seiner Lehrschrift über die Metrik, der seine Aenigmata als Muster beigegeben sind, anerkennend an; die Berner Rätsel hingegen bleiben unerwähnt. 

    (3) Bei seiner Benutzung von Symphosius geht Aldhelm auffällig eigenständig vor; nur gerade vier Lösungen sind identisch. Weitere Überschneidungen sind – genauso wie die Strophenform des Tristichons – vermieden, ja Aldhelm variiert und erweitert den Themenkatalog seines Vorbilds mit eigenen, teils ausgefallenen Beispielen, etwa wenn er zu dessen Rätsel von der Fliege die Biene, den Wasserläufer, die Mücke und die Hornisse setzt oder Symphosius’ Feuerstein mit dem Diamant, Drachenstein und Magnet ergänzt und nicht einen Fluss-, sondern einen Meeresfisch beschreibt. In siebzehn Versen entlehnt Aldhelm Fügungen aus Symphosius’ Aenigmata, nie jedoch stimmen dabei die Themen überein, als sollten so die Spuren verwischt werden (TABELLE 2.1). Ganz anders beim Verhältnis zu den Berner Rätseln, wo die sprachlichen und thematischen Wiederholungen zusammenfallen (TABELLE 2.2), was darauf hindeutet, dass nicht Aldhelm aus der Berner Sammlung ausgeschrieben hat, sondern diese sowohl Themen als auch Formulierungen aus dessen Aenigmata übernimmt.

    Aldhelms Rätsel existierten bereits vor 685 in einer ersten Fassung, die auch auf dem Kontinent zirkulierte und die vielleicht zu den frühesten Werken des Gelehrten und späteren Abts gehörte. Die Übernahmen in die Berner Sammlung lassen sich keiner der beiden Fassungen eindeutig zuordnen, doch könnte es sein, dass letztere ihrerseits die Aenigmata des Aldhelm-Epigonen Tatwin († 734) beeinflusst haben. Diese bestehen aus exakt vierzig Rätseln – dieselbe Anzahl wie bei der Berner Sammlung in ihrer vielleicht ursprünglichen Form –, und obgleich sie viel Christlich-Religiöses verhandeln, zeigen einige von Tatwins Versen Anklänge an die Berner Sechszeiler, die eine zumindest teilweise Kenntnis derselben vermuten lässt (TABELLE 2.2). Damit stünden die Berner Rätsel zeitlich zwischen den Aenigmata Aldhelms und Tatwins; ihre Entstehungszeit fiele demnach in die letzten und ersten Jahrzehnte vor bzw. nach 700.

[Fortsetzung folgt.]

Literaturhinweise

[in Bearb.].

Published July 2022

How to quote this site:

Bitterli, Dieter. “Einführung: Zeit und Herkunft” Die Berner Rätsel. 2022. [online]. Available at: https://www.enigmata.ch