Himmlisches 

Rätsel Nr. 55, 57, 58, 59, 60, 62 

 

Die Rätsel von der Sonne (Nr. 55 und 57), dem Mond (Nr. 58 und 59), dem Himmel (Nr. 60) und den Sternen (Nr. 62) überliefern die Handschriften in der hier übernommenen Reihenfolge als kleine kosmologische Gruppe, die die Sammlung abrundet.

    Die Darstellung der darin verrätselten Phänomene entspricht dem geozentrischen (ptolemäischen) Weltbild der Antike und des Mittelalters, wonach die kugelförmige Erde in der Mitte des Universums ruht und umgeben ist von den konzentrischen Sphären der sieben rotierenden Planeten (Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn) und der äußersten Sphäre der unbewegten Fixsterne, die die sichtbare Welt umschließt. Anders als beim heliozentrischen Modell, das sich erst in der Neuzeit durchsetzte, stellte man sich vor, dass alle Planeten, einschließlich der Sonne, die stabile Erde umkreisen, während das entfernte Sternenfirmament sich täglich in entgegengesetzter Richtung um die Erde dreht und dabei sämtliche Himmelskörper von Ost nach West mitbewegt.

    Manches davon ist in die Berner Rätsel eingeflossen, und die Anschauung ist ganz die traditionelle, antike. Dabei sind innerhalb der lateinischen Rätseldichtung viele der kosmologischen Themen hier erstmals behandelt; Symphosius erwähnt einzig das Sternbild des Stiers in seinem gleichnamigen Dreizeiler (Nr. 32: Taurus). Sonnen-, Mond- und Sternenrätsel mit verwandter Bildlichkeit finden sich erst wieder bei Aldhelm und seinen angelsächsischen Nachfolgern, die – anders als die Berner Sammlung – Kosmologisches mit christlicher Schöpfungslehre und Lichtsymbolik verbinden.

Enigma LV

De sole

Semine nec ullo patris creatus renascor,

Ubera nec matris suxi, quo crescere possem.

Uberibus ego meis reficio multos.

Vestigia nulla figens perambulo terras.

Anima nec caro mihi nec cetera membra,

Aligeras tamen reddo temporibus umbras.

Rätsel 55

Die Sonne

Ohne väterlichen Samen gezeugt, werde ich wiedergeboren,

auch habe ich an keiner Mutterbrust getrunken, um wachsen zu können.

Mit meiner Fruchtbarkeit aber erquicke ich viele.

Keine Spuren hinterlassend durchwandere ich Länder.

Weder eine Seele noch Fleisch noch sonst Glieder habe ich,

jedoch gebe ich den Zeiten geflügelte Schatten.

Enigma LVII

De sole

Prohibeor solus noctis videre tenebras

Et absconse ducor longa per avia fugiens.

Nulla mihi velox avis inventa volatu,

Cum videar nullas gestare corpore pennas.

Vix auferre praedam me coram latro valebit.

Publica per diem dum semper competa curro.

Rätsel 57

Die Sonne

Mir allein ist es verwehrt, die Finsternis der Nacht zu sehen,

und verborgen fliehe ich durch entlegene Einöden.

Kein Vogel ist so schnell wie ich im Flug,

obwohl ich an meinem Körper keine Federn trage.

In meiner Gegenwart kann kaum ein Räuber seine Beute fortschaffen,

solange ich tagsüber die öffentlichen Plätze durchlaufe.

Das erste der beiden Sonnen-Rätsel (Nr. 55: De sole) greift eingangs noch einmal die Eltern Kind-Metaphorik auf, allerdings um auszudrücken, dass das sprechende Rätselding eben gerade nicht zur belebten Natur gehört (1-2). Die gattungstypischen Negationen (ohne Samen, keine Mutterbrust) setzen sich in den weiteren Zeilen fort: Auf ihrem Himmelsweg durchwandert die Sonne zwar ganze Landstriche, jedoch ohne dabei Spuren zu hinterlassen (4); auch hat sie – anders als alle Lebewesen – weder eine Seele noch einen Körper oder Glieder (5). Eingeschoben sind die Hinweise auf den immerwährenden Lauf der Sonne und deren Wirkung auf das terrestrische Leben. Zwar elternlos, jedoch täglich »wiedergeboren« (1) wächst die Sonne im Jahres- und Tagesverlauf heran (2), um die Menschen mit ihrer Kraft und »Fruchtbarkeit« (uberibus, 3) zu erquicken. Das Paradox ist hier verstärkt durch die zweimalige Verwendung des Begriffs uber für die Mutterbrust (2) und, metonymisch, die Fülle und Fruchtbarkeit, die die Sonne mit ihrer Leuchtraft auf der Erde hervorruft (3). Hier hinterlässt die Sonne auch ihre einzigen, flüchtigen Spuren in Form von Schatten, die »geflügelt« (6) sind, weil sie mit der Sonne wandern und so die Zeit wie im Flug vergeht.

    Von der damit umschriebenen scheinbaren Immaterialität des fernen Gestirns wechselt das zweite Rätsel (Nr. 57: De sole) zu einer mehr kosmologischen Betrachtung und schildert die Sonne als kreisenden Planeten und einsamen Weltenwanderer, der geheimnisvoll entrückt und zugleich nah ist. Dabei begleiten die sechs Zeilen den Lauf der Sonne von der Nacht in den Tag und führen aus der Dunkelheit zuletzt ans Licht. Den Anfang macht die Beschreibung des nächtlichen Pfads der Sonne, die – so die Vorstellung – bei ihrer Erdumrundung nachts die von uns abgewandten, unbewohnte Zonen und deren »entlegene Einöden« (2) durchläuft. Das Rätsel denkt dies von beiden Seiten her, denn so wie die Sonne dabei uns Menschen »verborgen« bleibt, so kann diese die Finsternis unserer Nacht nicht sehen (1). Eine Art Scharnier zwischen Nacht und Tag ist das mittlere Distichon mit seinem Vergleich zwischen der kosmischen Bewegung und der Tierwelt: Als Himmelskörper zieht die Sonne ihre Bahn vogelgleich »im Flug«, doch angesichts der enormen Distanz ist sie dabei schneller als jeder Vogel (3-4). Am Ende aber kehrt sich das Verhältnis zwischen dem Verborgenen und Sichtbaren um, denn sobald die Sonne tagsüber wieder vom Himmel strahlt und die »öffentlichen Plätze« erhellt, wird sichtbar und publik, was nächtens unentdeckt bliebe, und keiner wird es bei Tageslicht wagen, etwa einen Raub zu begehen (5-6).

    Die Idee der unsichtbaren »entlegenen Einöden« (longa … avia, 2) entspricht der antiken Theorie der außerhalb der Oikumene liegenden wüsten Erdzonen wie sie verschiedentlich beschrieben wurden (u.a. Cicero, rep. 6, 20; Vergil, georg. 1, 231-56; Plinius, nat. 2, 171-72; Macrobius, somn. 2, 5, 29-35). Traditionell ist auch die Vorstellung, dass sich die Himmelskörper und das ganze Weltall mit unermesslicher Geschwindigkeit bewegen (Cicero, rep. 6, 15 und nat. deor. 2, 97; Seneca, nat. 7, 9, 4; Plinius, nat. 2, 6 und 33).

Enigma LVIII

De luna

Assiduo multas vias itinere currens

Corpore defecta velox conprendo senectam.

Versa vice rerum conpellor ire deorsum

Et ab ima redux trahor conscendere sursum.

Sed cum mei parvum cursus conplevero tempus,

Infantia pars est simul et curva senectus.

Rätsel 58

Der Mond

Auf ständiger Reise durchlaufe ich viele Wege

und erreiche, körperlich schwach, rasch das Alter.

Wechselweise bin ich gezwungen, abwärtszugehen,

und zurück aus der Tiefe, werde ich in die Höhe gezogen.

Habe ich aber die kurze Dauer meines Laufs erfüllt,

so ist meine Kindheit zugleich Teil meines krummen Alters. 

Enigma LIX

De luna

Quo movear gressum, nullus cognoscere temptat,

Cernere nec vultus per diem signa valebit.

Cottidie currens vias perambulo multas

Et bis iterato cunctas recurro per annum.

Imber, nix, pruina, glacies nec fulgora nocent,

Timeo nec ventum forti testudine tecta.

Rätsel 59

Der Mond

Wohin mein Lauf mich führt, versucht keiner herauszufinden,

noch kann man tagsüber mein Gesicht genau erkennen.

Täglich laufe ich und durchwandere viele Wege,

und doppelt gehe ich sie alle übers Jahr wieder zurück.

Regen, Schnee, Frost, Eis und Blitz schaden mir nicht,

noch fürchte ich, geschützt unterm starken Gewölbe, den Wind.

Doppelt behandelt ist auch der Mond, dessen Bewegungen und wechselnde Phasen die Menschen seit frühester Zeit genau beobachteten und für die Zeitmessung schriftlich festhielten. Die zwei Rätsel unterscheiden sich kaum wesentlich voneinander; in beiden spricht der im Lateinischen feminine Mond, der als rastloser Wanderer auftritt und von seinem komplizierten und zyklischen Lauf durch das Himmelsgewölbe berichtet. Im ersten Fall (Nr. 58: De luna) führt diese »ständige Reise« (1) von der Höhe des Firmaments abwärts zu dessen tiefstem Punkt und wieder zurück, wobei die Bewegung nicht selbständig ist, sondern der Mond von einer ungenannten Kraft »gezwungen« und »gezogen« wird (3-4). Das Auf und Ab beschreibt die unterschiedlichen Positionen des Mondes während eines siderischen Monats, bei dem der Mond den Tierkreis am Sternenhimmel durchläuft und dabei im Jahresverlauf bald hoch und bald tief über dem Horizont steht. Dass dies »wechselweise« (vice versa rerum, 3) geschieht, verweist auf die gleichzeitige synodische Umlaufzeit um die Erde, während der wir den Mond in seinen verschiedenen Phasen – vom Neu- zum Vollmond und zurück – sehen.

    Eingewoben in die Zeilen ist der Gegensatz zwischen der »kurzen Dauer« (5) der Mondbewegungen – nämlich 27,3 und 29,5 Tage für den siderischen bzw. synodischen Umlauf – und dem »krummen Alter« (2 und 6), das der Mond dabei rasch erreicht. Gemeint ist damit die Sichelgestalt des abnehmenden Mondes, dessen gekrümmter linker Teil für uns sichtbar ist, während der Rest zwar verborgen bleibt, aber natürlich trotzdem vorhanden ist, und so die vormalige »Kindheit« des zunehmenden Mondes ein Teil seines jetzigen »Alters« ist (6). Das Bild entspricht der lateinischen astrologischen Terminologie, die den abnehmenden Mond als senescens (wörtlich »alternd«) und seine Sichelform als curvata (»gekrümmt«) bezeichnet, wie dies etwa der ältere Plinius in seiner Naturkunde macht (nat. 2, 42).

    Vom doppelten Mondzyklus und seiner nur partiell sichtbaren Himmelsbahn handelt auch das zweite Mond-Rätsel (Nr. 59: De luna). Die Weg-Metapher aus dem vorigen Anfangsvers (multas vias … currens, 1) ist hier wörtlich wiederholt (currens vias … multas, 3), und wenn es heißt, dass der Mond über das Jahr hinweg zweifach (bis, 4) an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, so bezieht sich dies wiederum auf die Überlagerung der siderischen mit den synodischen Perioden. Neu ist, dass unser irdisches Wetter dem entfernten Trabanten nichts anhaben kann: vor Kälte, Nässe, Blitz und Wind »geschützt«, kreist der Mond unter dem »starken Gewölbe« des Firmaments (5-6); und auch wenn er, vermenschlicht, mit seinem »Gesicht« (2) einherschreitet und uns dabei näher als alle übrigen Gestirne ist, so bleibt er doch entrückt und entzieht sich immer wieder unseren Blicken.

Enigma LX

De caelo

Promiscuo per diem vultu dum reddor amictus,

Pulchrum saepe reddo, turpis qui semper habetur.

Innumeras ego res cunctis fero mirandas,

Pondere sub magno rerum nec gravor onustus.

Nullus mihi dorsum, faciem sed cuncti mirantur,

Et meo cum bonis malos recipio tecto.

Rätsel 60

Der Himmel

Während ich, bekleidet, tagsüber allen mein Gesicht zeige,

mache ich oft schön, was von jeher als hässlich gilt.

Zahllose wunderbare Dinge beschere ich allen,

und beladen mit Dingen, leide ich nicht unter der großen Last.

Einen Rücken habe ich nicht, aber alle bestaunen mein Aussehen,

und unter meinem Dach nehme ich Gute und Böse auf.

Anthropomorphismen, Paradoxa und Gegensatzpaare, wie sie für die Berner Sammlung typisch sind, bestimmen das Rätsel vom Himmel (Nr. 60: De caelo). Der Himmel umfasst in der antiken Astronomie den gesamten Raum außerhalb der sublunaren Welt einschließlich der konzentrisch um die Erde rotierenden Sphären mit ihren Planeten und Fixsternen. Die je nach Jahres- und Tageszeit sichtbaren Gestirne sind im Rätsel jene nicht näher bezeichneten »Dinge«, mit denen der personifizierte Himmel – ähnlich dem mythischen Atlas – beladen ist, freilich ohne darunter zu leiden (4), denn – anders als der Titan oder ein Mensch – hat das sprechende Rätselding zwar ein Antlitz, jedoch keinen »Rücken« (5). Dass der Himmel dennoch »bekleidet« (amictus, 1) ist, verweist wohl auf die Wolken und anderen Wetterphänomene, die wir tagsüber in der Atmosphäre sehen, sobald der Himmel sein »Gesicht« (1) zeigt, womit die Sonne gemeint ist, die die ungeliebte nächtliche Finsternis vertreibt und mit der Taghelle die Welt verschönert (2). 

    Der Kontrast passt zu den negativen Konnotationen, die man seit alters mit der Nacht verband, wenn etwa Varro (ling. 6, 6) erklärt, dass sich der Name nox (Nacht) vom Verb nocere (schaden) herleite, oder Juvenal (3, 268ff.; 10, 19-22) die tödlichen Gefahren der dunklen Nacht aufzählt. Dem entgegen setzt das Berner Rätsel positive Bilder von Anmut, Wunder, Staunen und Nähe: Den Menschen bringt der Himmel Schönheit (2) und beschert ihnen »zahllose wunderbare Dinge« (3), denn unter ihm gedeiht alles Irdische; auch macht er, dass wir sein wechselndes Aussehen »bestaunen« (5); und er gleicht einem schützenden »Dach«, unter dem alle – ob gut oder böse – Aufnahme  finden (6).

Enigma LXII

De stellis

Milia conclusae domo sub una sorores,

Minima non crescit, maior nec aevo senescit,

et cum nulla parem conetur adloqui verbis,

suos moderato servant in ordine cursus.

Pulchrior turpentem vultu non dispicit ulla,

odiuntque lucem, noctis secreta mirantur.

Rätsel 62

Die Sterne

Eingeschlossen einem einzigen Haus sind tausend Schwestern;

weder wächst die kleinste, noch wird die größte jemals alt,

und obgleich keine versucht, mit der anderen zu sprechen,

ziehen sie ihre Bahnen in geregelter Ordnung.

Keine mit schönerem Gesicht verachtet die Hässliche,

das Licht aber hassen sie und bestaunen die Geheimnisse der Nacht.

Im Rätsel von den Sternen (Nr. 62: De stellis) ist das Himmelsgewölbe ein »Haus«, womit die Analogie zu einer menschlichen Behausung auch gleich wieder aufhört, denn unter dem einen Dach wohnen nicht weniger als tausend Geschwister, die weder wachsen noch altern und nie miteinander reden (1-3). Die stummen »Schwestern« (sorores, 1) bezeichnen die im Lateinischen femininen Fixsterne (stellae fixae), die nach antiker astrologischer Vorstellung fest an der Innenseite der äußersten Himmelsphäre haften. Seit Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.) zählte man 1022 Fixsterne in sechs Größenklassen, die sich – anders als die zusätzlich um die Erde kreisenden Planeten – einzig mit der täglichen Rotation ihrer Sphäre bewegen und dabei ihre Konstellationen nicht verändern. 

    Dem entsprechen die verhüllten Angaben im Rätsel: Die unterschiedlich großen Sterne sind »tausend« (1) an der Zahl, und sie sind alterslos (2), nicht nur weil sie wie alle Himmelskörper »ewig« sind (so etwa Plinius, nat. 2, 30), sondern auch weil sie – anders als der alternde Mond im Rätsel 58 – keine Phasen durchlaufen, während sie stumm und geordnet über das Firmament ziehen (3-4). Das abschließende Distichon treibt das Spiel mit den Anthropomorphismen noch weiter und verleiht den entrückten Sternen gar menschliche Gefühle. Zwischen den schönen (hellen) und hässlichen (blassen) Sternen herrscht zwar kein Neid, doch sind sie allesamt Nachtgestalten, die das Tageslicht »hassen« und stattdessen lieber »die Geheimnisse der Nacht« (noctis secreta) bestaunen (5-6). 

    Das Rätsel ist als einziges der Gruppe nicht in der Ich-Form geschrieben, sodass die Außensicht eigentlich die der Menschen ist, die das nächtliche Lichterspiel am Sternenhimmel von der Erde aus beobachten. Dennoch kehrt der poetische Schluss die Perspektive um, denn nicht nur wir Menschen staunen, sondern auch die Sterne am Nachthimmel, für die das kosmische Geschehen genauso geheimnisvoll bleibt wie für uns. 

Literaturhinweise

Evans, J., The History and Practice of Ancient Astronomy, New York 1998.

Kroll, W., Die Kosmologie des Plinius, Breslau 1930.

North, J., Cosmos: An Illustrated History of Astronomy and Cosmology, Chicago 2008.

Romm, J. S., The Edges of the Earth in Ancient Thought, Princeton 1992.

Schleicher, F., Cosmographia Christiana: Kosmologie und Geographie im frühen Christentum, Paderborn 2014.

Published November 2021

How to quote this site:

Bitterli, Dieter. “Himmlisches.” Die Berner Rätsel. 2021. [online]. Available at: https://www.enigmata.ch/himmlisches