Die Handschriften 

 

Die Berner Rätsel sind in zwölf mittelalterlichen Pergamenthandschriften und einer Abschrift aus dem 16. Jahrhundert überliefert. Die vier wichtigsten davon, darunter der namensgebende Berner Codex und älteste Textzeuge, datieren aus dem 8. und 9. Jahrhundert; im Einzelnen sind dies:

 

  1. Bern, Burgerbibliothek, Cod. 611  (www.e-codices.unifr.ch)
    Merowingische Sammelhandschrift aus der 1. Hälfte des 8. Jahrhunderts, entstanden offenbar in Ostfrankreich. Der dritte der sechs ursprünglich selbständigen Teile enthält nebst dem lückenhaften Text der Rätsel (f. 73r-80v) Auszüge aus der Grammatik des Asper Minor und den Etymologien des Isidor von Sevilla, patristische und komputistische Texte und Tabellen sowie Biblisches und Medizinisches, teils in Tironischen Noten (davon 8 Blätter heute Paris, Bibliothèque nationale, lat. 10756). Enthalten sind die Rätsel 2 (unvollständig), 3, 5, 6, 8, 9, 11-15, 17-27, 29, 30, 32, 34-36, 56 (unvollständig) und 57-62. Ein verlorenes Blatt vor f. 73 enthielt das erste Rätsel und den Anfang von Nr. 2, wie aus dem Inhaltsverzeichnis auf f. 93r hervorgeht; ein weiteres Blatt fehlt vor f. 79, das mit dem Ende von Rätsel 56 einsetzt. Der einspaltige, in einer flüchtigen vorkarolingischen Minuskel geschriebene Text und die in Unzialis abgesetzten Titel enthalten zahlreiche typisch merowingische Formen wie i für e und u für o (etwa Rätsel 3, 3: constringire; 6, 5: suspis für sospes; 18: De scupa; 62: De stillis).
     

  2. Berlin, Staatsbibliothek, Ms. Phillipps 1825  (http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de)
    Karolingische Gedichtsammlung (46 Blätter), vermutlich aus der Abtei Saint-Aubin d’Angers (Nordwestfrankreich), nach Bischoff geschrieben um 800 in Verona. Die Berner Rätsel (f. 37v-44v) folgen unter dem Titel ENIGMATA IN D(E)I NOMINE TULLII auf Commodianus’ Instructiones, Prudentius’ Dittochaeon und Aldhelms Carmina Ecclesiastica (letztere wohl nach einem insularen Exemplar). Enthalten sind 62 Rätsel, einschließlich des sonst nirgends vorhandenen zweiten Pergament-Rätsels 50A, jedoch ohne Nr. 21 und Nr. 63. Geschrieben in regelmäßiger karolingischer Minuskel; die Vershälften (6 + 8 Silben) sind durch ! getrennt und mehrheitlich mit Überschriften in roten Unzialen versehen (f. 37-43r, danach sind die Zeilen dazu leer gelassen). Auf f. 44v-45r von gleicher Hand ein dreizeiliges Rätsel De penna und drei Tristichen aus der Sammlung des Symphosius (Nr. 59: Pila, Verse 1-2; Nr. 63: Spongia; Nr. 69: Speculum).
     

  3. Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Reg. lat. 1553  (https://digi.vatlib.it)
    Erster von drei Teilen (f. 1r-21v): Karolingische Rätselanthologie aus Nordostfrankreich (Lothringen oder Oberelsass), erstes Viertel des 9. Jahrhunderts. Auf Bonifatius’ Versrätsel über Tugenden und Laster (f. 1r-8v), folgen f. 8v-21v – unter dem Titel INCIPIT PROLOG(US) SYMPHOSII SUPER ENIGMATA QUAESTIONUM ARTIS RETOR(I)C(AE), eingeleitet durch Symphosius’ Praefatio, vermengt, jedoch nummeriert und nach Themen gruppiert – 52 Stücke aus der Berner Sammlung, 45 Dreizeiler des Symphosius sowie fünf kurze Rätsel aus Aldhelms Enigmata.
    Es lassen sich grob sieben thematische Bereiche erkennen: Bern 60 (De caelo) leitet f. 9r eine Gruppe kosmologischer und meteorologischer Rätsel ein, mit Symphosius 12 (Aqua [et] piscis) folgen f. 10r Rätsel zum Thema Wasser(tiere) und weiter f. 12v solche über Pflanzen und Landwirtschaftliches, f. 14v Bäume, f. 16r Blumen und Gewürze, f. 18r. Dinge des Haus- und Schriftwesens, f. 20v schließlich Vögel und Landtiere. Rätsel zum selben Gegenstand stehen jeweils unter der gleichen Nummer beieinander, etwa VII, f. 9v-10r: Bern 38 und Symphosius 10 (Eis); XXXVIII, f. 13v-14r: Bern 50 und 63 (Wein); LXIII, f. 17v-18r: Bern 37 und Aldhelm 40 (Pfeffer) usw. Aufgenommen sind vollständig Bern 1-9, 11-21, 23-39, 41, 43, 45, 47, 49-51 (ohne 50A), 55-57 und 59-63, von Nr. 22 steht am Ende von f. 21v einzig der Titel (Ovis) mit der Zahl LXXXVIIII; weitere Blätter (vermutlich mit den Einträgen CX-C) fehlen. Regelmäßige karolingische Minuskel mit mehrheitlich roten Initialen und Titeln in Unzialis.
     

  4. Leipzig, Universitätsbibliothek, Rep. I 74  (https://digital.ub.uni-leipzig.de)
    Karolingische Rätsel- und Gedichtsammlung (63 Blätter); Westfrankreich, ca. Mitte des 9. Jahrhunderts. Enthält f. 1r-13r die Enigmata Aldhelms und f. 15v-24r unter dem rubrizierten Titel QUESTIONES ENIGMATU(M) RETHORICAE ARTIS sämtliche Berner Rätsel außer Nr. 50A, geschrieben in karolingischer Minuskel mit roten Initialen. Die Titel stehen in kleinerer Schrift als Marginalien neben den Rätseln, bei Nr. 15 (f. 17r) in Tironischen Noten, zwischen f. 22r-22v fehlen sie ganz; neben dem titellosen Rätsel 48 (f. 21v) steht das Tironische Zeichen für require! Das Rätsel 62 endet am Seitenende von f. 23v; auf der nächsten Seite folgen ein Prosarätsel vom Schaf (Item de ove) und das nur hier und im Vaticanus (s.o.) überlieferte zweite Wein-Rätsel 63 (Item de vino). Ab f. 24r finden sich weitere Gedichte u.a. von Eugenius von Toledo, Prosper von Aquitanien, Paulus Diaconus und Alkuin sowie Auszüge aus Martial und Ovid sowie Prudentius’ Psychomachie.
     

Einzelne Berner Rätsel finden sich in zwei karolingischen Handschriften der Bibliothèque nationale:
 

  • Paris, Bibliothèque nationale de France, Latin 5596, Nordostfrankreich (wahrscheinlich Reims), frühes 9. Jahrhundert. Enthält f. 165r-169r die Berner Rätsel 25 (ohne Titel), 50, 13, 6, 1, 5 und 35 (f. 165v-166v) zusammen mit neunzehn Stücken aus der Sammlung des Symphosius und zwei Tetrasticha Aldhelms. Den Gedichten voraus gehen zwei längere Reihen von Rätselfragen in der Tradition der Ioca Monachorum (f. 155r-162v), eine Version des Rätseldialogs zwischen Adrian und Epictitus (f. 162v-164r) sowie acht Prosarätsel (f. 164r-165r), darunter das bekannte Rätsel vom Flachs.
     

  • Paris, Bibliothèque nationale de France, Latin 8071, Frankreich (Auxerre oder Umgebung), 9. Jahrhundert. Karolingische Anthologie römischer und spätantiker christlicher Dichtung, einschließlich f. 57r-57v der Berner Rätsel 3 und 6.

Spätere Handschriften überliefern die Berner Sammlung typischerweise zusammen mit den Etymologien Isidors von Sevilla. Auf die Rätsel 1-62 (ohne 50A) folgen in der Regel das auch in der Leipziger Handschrift enthaltene Prosarätsel De ove sowie ein weiteres titelloses Prosarätsel (Est res aliqua …). So in den untereinander verwandten österreichischen Codices:

  • Klosterneuburg, Augustiner-Chorherrenstift, Cod. 723, 10./11. Jahrhundert, 1r-5v unter dem Titel QUESTIONES ENIGMATU(M) RETHORICE ARTIS CLARO ORDINE DICTANTE.
     

  • Chicago, Newberry Library, MS f 11 (vormals Admont, Benediktinerstift, Cod. 277), 1. Hälfte 12. Jahrhundert, 1r-7r unterm dem Titel QUESTIONES ENIGMATU(M) RETHORICAE ARTIS.
     

  • Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 67, 2. Hälfte 12. Jahrhundert (vormals Benediktinerstift Göttweig): f. 168rb-170rb, unter dem Titel QUESTIONES ENIGMATU(M) ARTIS RETHORICE CLARO ORDINE DICTATE.
     

  • Zwettl, Zisterzienserstift, Cod. 53, 2. Hälfte 12. Jahrhundert, f. 153ra-155rb (Titel wie Wien, ÖNB, Cod. 67).
     

  • Göttweig, Benediktinerstift, Cod. 64, 1. Viertel 13. Jahrhundert, f. 1ra-3va (Titel wie Wien, ÖNB, Cod. 67).
     

  • Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2285, 2. Hälfte 14. Jahrhundert, f. 206r-212r: Quaestiones enigmatum artis rhetorice, ohne die Prosarätsel.

     

Die im 16. Jahrhundert entstandene Abschrift der Berner Rätsel in Città del Vaticano, Biblioteca Apostolica Vaticana, Barb. Lat. 1717, f. 1r-12r, schließlich ist mit dem Text des Berliner Phillippicus 1825 praktisch identisch, stammt jedoch womöglich nicht unmittelbar von diesem ab.

 

Nich erhalten geblieben ist die Handschrift, die der karolingische Bibliothekskatalog des Inselklosters Reichenau von 821/822 erwähnt. Unter dem Titel aenigmata Tullii (wie im Berliner Codex) folgten die Berner Rätsel dort auf die Disticha Catonis und waren zusammengebunden u.a. mit naturkundlichen und komputistischen Schriften (Isidor, Beda).

Literaturhinweise

Bischoff, B., Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen), hg. v. B. Ebersperger, 5 Bde., Wiesbaden 1998-2017.

Bischoff, B. (Hg.), Anecdota novissima. Texte des vierten bis sechzehnten Jahrhunderts. Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittellters 7. Stuttgart 1984.

Ehwald, R. (Hg.), Aldhelmi opera, Monumenta Germaniae Historica, Auctores Antiquissimi 15, Berlin, 1919.

Finch, C. E., The Bern Riddles in Codex Vat. Reg. Lat. 1553, Transactions and Proceedings of the American Philological Association 92 (1961), 145-55.

Finch, C. E., The Riddles in Cod. Barb. Lat. 1717 and Newberry Case MS f 11, Manuscripta 17 (1973), 3-11.

Ganz, D., In the Circle of the Bishop of Bourges: Bern 611 and Late Merovingian Culture, East and West in the Early Middle Ages: The Merovingian Kingdoms in Mediterranean Perspective, hg. v. S. Esders et al., Cambridge 2019, 265-80.

Glorie, F. (Hg.), Collectiones Aenigmatum Merovingicae Aetatis, 2 Bde., Corpus Christianorum, Series Latina 133, 133A, Turnhout 1968.

Haupt, M., Über eine Handschrift der Leipziger Stadtbibliothek, Berichte über die Verhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 2 (1850), 1-16.

Naumann, A. G. R., Catalogus librorum manuscriptorum qui in Bibliotheca Senatoria Civitatis Lipsiensis asservantur, Grimma 1838. 

Pellegrin, E., et al., Les manuscrits classiques latins de la Bibliothèque vaticane, Bd. II.1, Paris 1978.

Rose, V., Verzeichniss [sic] der Lateinischen Handschriften, Die Handschriften-Verzeichnisse der Königlichen Bibliothek zu Berlin 12, Berlin 1893.

Saenger, P., A Catalogue of the pre-1500 Western Manuscript Books at the Newberry Library, Chicago 1989.

Strecker, K. (Hg.), Aenigmata hexasticha, Rhythmi aevi Merovingici et Carolini, Monumenta Germaniae Historica: Poetae Latini Aevi Carolini 4.2, Berlin 1914, 732-59; zus. mit Fasz. 3, Berlin 1923.

Published January 2022

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Bitterli, Dieter. “Die Handschriften.” Die Berner Rätsel. 2022. [online]. Available at: https://www.enigmata.ch/handschriften