Aus dem Garten  

Rätsel Nr. 26, 33, 34, 35, 36, 37, 39, 51, 52

 

Die vier Rätsel vom Märzveilchen (Nr. 33), der sommerlichen Rose und Lilie (Nr. 34 und 35) und dem herbstlichen Safran-Krokus (Nr. 36) eröffnen in den Handschriften einen kleinen Blumengarten, der den Verlauf der Jahreszeiten nachzeichnet und zu dem in der Sammlung auch die Gewürz- und Arzneipflanzen Pfeffer (Nr. 37), Senf (Nr. 26), Efeu (Nr. 39) und Knoblauch (Nr. 51) sowie eine weitere Rose (Nr. 52) gehören. Zwei davon, die Rose und das Veilchen, finden sich bereits bei Symphosius, der Pfeffer auch unter den Versrätseln Aldhelms. In den südlichen Raum rund um das Mittelmeer und die Welt der römischen Küche verweisen davon insbesondere der Safran und der Senf, aber genauso die Rose, die Weiße Lilie und das Veilchen, die schon der ältere Plinius in seiner Naturkunde nacheinander beschreibt (nat. 21, 14-27; vgl. Isidor, etym. 17, 9, 17-19). 

    Die Rätsel drehen sich meist um die Herkunft, das Wachstum und die Gestalt der Pflanzen oder sie erwähnen deren Blütezeit und Nutzen. Verwendet sind wiederum die Metaphern der Geburt, Elternschaft und Familie, sodass sich in den Gedichten immer wieder unser eigenes Werden und Vergehen spiegelt.

Enigma XXXIII

De viola

Parvula dum nascor, minor effecta senesco

Et cunctas praecedo maiori veste sorores.

Extremos ad brumae me primo confero menses

Et amoena cunctis verni iam tempora monstro.

Me reddet inlustrem parvo de corpore sumptus,

Et viam quaerendi docet, qui nulli videtur.

Rätsel 33

Das Veilchen

Klein bin ich bei der Geburt, kleiner noch werde ich im Alter,

doch mit besserer Kleidung gehe ich allen Schwestern voraus.

In den späten Wintermonaten zeige ich mich zuerst

und kündige allen schon die liebliche Frühlingszeit an.

Trotz kleinem Körper macht mich die Fülle berühmt,

und was niemand sieht, weist dem Suchenden den Weg.

Den Anfang der Blumen-Rätsel macht das zierliche Veilchen (Nr. 33: De viola), und beschrieben ist hier das aus dem Mittelmeergebiet stammende, wohlriechende Duftveilchen (Viola odorata), das schon in den Gärten der Antike als Zier- und Heilpflanze kultiviert wurde. Klein von Gestalt – die Wuchshöhe ist bloß 10-15 cm – blühen die krautigen Pflänzchen bereits im März und gedeihen gerne unter lichten Gebüschen, was sie »im Alter«, wenn sie ausgewachsen und verblüht sind, noch unscheinbarer und »kleiner« erscheinen lässt, wie es das Rätsel umschreibt (1). Tatsächlich geht das Veilchen seinen »Schwestern«, das heißt den anderen blühenden Pflanzen (lat. plantae, f.), als Verkünderin des Frühlings voraus (3-4) und trotzt mit seiner »besseren Kleidung« der späten Winterkälte (2). Besonders geschätzt aber wird das Märzveilchen wegen der »Fülle« seines süßen Dufts, den man weithin riechen kann, auch wenn die dunkelvioletten Blüten kaum sichtbar sind (5-6).

     Weder die prächtige Rose noch die Lilie könnten die Zierde, die Wirkkraft und den Duft des wohlriechenden Veilchens übertreffen, schreibt im 11. Jahrhundert Odo von Meung in seinem Kräuterbuch. Die hohe Wertschätzung des Frühlingsboten, den die Römer als Kranz- und Kultblume verwendeten, hebt schon Plinius hervor und meint, dass dessen Geruch aus der Ferne noch lieblicher sei und sich in der Nähe gar abschwäche (nat. 21, 27 u. 35). Mit demselben Gedanken schließt das Berner Rätsel und braucht dazu das schöne Bild vom »Suchenden« (quaerendi, 6), dem der bloße Veilchenduft den Weg durch den Garten weist. Damit ist weit mehr gesagt als im Dreizeiler des Symphosius zum selben Thema (Nr. 46: Viola), dessen Formulierung vom »kleinen Körper« (corpore parvo) des Blümchens hier nachklingt.

Enigma XXXIV

De rosa

Pulchra in angusto me mater concepit alvo

Et hirsuta barbis quinque conplectitur ulnis.

Quae licet parentum parvo sim genere sumpta,

Honor quoque mihi concessus fertur ubique.

Utero cum nascor, matri rependo decorem

Et parturienti nullum infligo dolorem.

Rätsel 34

Die Rose

Die schöne Mutter hat mich im schmalen Schoß empfangen,

und stachelig-bärtig umschlingt sie mich mit fünf Armen.

Mag ich auch aus dem geringen Geschlecht meiner Eltern stammen,

erwiest man mir doch allenthalben Ehre.

Aus ihrem Leib geboren, vergelte ich es der Mutter mit Anmut

und bereite der Gebärenden keine Schmerzen.

Enigma LII

De rosa

Mollis ego duros de corde genero natos;

In conceptu numquam amplexu viri delector.

Sed dum infra meis concrescunt filii latebris,

Meum quisque nascens disrumpit vulnere corpus.

Postquam decorato velantes tegmine matrem

Saepe delicati frangunt certamine fortes.

Rätsel 52

Die Rose

Weich bin ich und zeuge harte Kinder aus meinem Inneren;

bei der Empfängnis genieße ich nie die Umarmung eines Mannes.

Doch solange tief in mir verborgen Söhne erwachsen,

reißt jeder bei der Geburt eine Wunde in meinen Körper.

Wenn sie später die Mutter in eine schmucke Decke hüllen,

verletzten die Zarten oft die Starken mit einem Hieb.

Gleich zwei Stücke der Sammlung haben die Rose zum Thema und bezeugen so deren traditionellen Rang als edelste aller Blumen. Schon in der griechischen Antike züchtete man Rosen in Gärten und schätzte nebst der duftenden Blütenpracht vor allem das aus den Blättern gewonnene Rosenöl als Parfüm und Heilmittel sowie die essbaren Hagebutten. Die zwei Rosen-Rätsel allerdings erwähnen weder den Duft noch den Nutzen der Pflanze, sondern beschreiben allein das Sprießen der Rosenknospe und vergleichen den Vorgang mit einer schmerzfreien bzw. jungfräulichen Geburt.

    Im ersten der beiden Rätsel (Nr. 34: De rosa) spricht die junge Knospe. Deren »schöne Mutter« mit stacheligem Bart und schmalem »Schoß« ist der schlanke Rosenzweig, an dem der junge Trieb heranwächst, während die fünf mütterlichen »Arme« die fünf Kelchblätter bezeichnen, die die Knospe umschließen (1-2). Diese präsentiert sich als Emporkömmling aus »geringem Geschlecht« (3), womit wohl ganz allgemein die Herkunft der Pflanze aus dem Erdreich und ihr niedriger Wuchs gemeint sind. Einmal entsprungen, genießt die junge Rose freilich die Achtung und »Ehre«, die ihr unter den Menschen zuteilwird (4), und bedankt sich bei der Mutter mit ihrer Schönheit und dadurch, dass sie dieser bei der Geburt keine Schmerzen verursacht (5-6).

    Ganz anders das zweite Rosen-Rätsel (Nr. 52: De rosa), das die Perspektive wechselt und einen kälteren Ton anschlägt: Nun spricht die Rose als »Mutter« (5) der Knospen, die, sobald sie austreiben, Wunden in den mütterlichen Körper schlagen (4). Die Vergleichsbilder sind grundsätzlich dieselben, doch statt der Schönheit der Blume steht hier die Härte der Triebe im Vordergrund, die als »Kinder« aus dem »weichen« Innern der Mutterpflanze hervorsprießen (1). Sie sind die verborgenen »Söhne«, deren vegetative Entstehung das Rätsel mit dem Paradox der jungfräulichen Empfängnis umschreibt (2). Sobald die Knospen aber blühen, umhüllen sie die Hauptzweige wie eine »schmucke Decke« (5) und entwickeln Stacheln. Diese sind im abschließenden Vers gemeint, wenn die jungen stacheligen Zweige (»die Zarten«) die Menschen (»die Starken«) verletzen, sobald diese ihnen allzu nahe kommen (6).

    Anders als unsere modernen gefüllten Zuchtrosen waren die Rosen der Antike und des Mittelalters strauchig, dicht verzweigt und voller kleiner fünfblättriger Blüten wie bei der rotblühenden Essigrose (Rosa gallica), der im Mittelmeerraum heimischen Stammpflanze vieler europäischer Gartenrosen. Ihre leuchtende Farbe und spitzen Stacheln beschreibt auch Symphosius in einem seiner Rätsel (Nr. 45: Rosa). Von der symbolischen Bedeutung der Rose als Blume Marias und der Märtyrer aber liest man erst in den religiösen Texten späterer Jahrhunderte.

Enigma XXXV

De lilio

Nos pater occultus commendat patulae matri,

Et mater honesta confixos porregit hasta.

Vivere nec umquam valemus tempore longo,

Et leviter tactos incurvat aegra senectus.

Oscula si nobis causa figantur amoris,

Reddimus candentes signa flaventia labris.

Rätsel 35

Die Lilie

Ein verborgener Vater vertraut uns der offenen Mutter an,

und die ehrenhafte Mutter lässt uns an einem Stängel emporwachsen.

Doch eine lange Lebenszeit ist uns nicht vergönnt,

und kaum berührt, krümmen wir uns, krank und alt.

Küsse, die man uns aus Liebe schenkt,

vergelten wir, leuchtend weiß, mit gelben Spuren auf den Lippen.

Ebenso berühmt wie die Rose sei zurecht die blendend weiße Lilie mit ihrem dünnen Stängel und safrangelben Staubfäden, schreibt Plinius in seiner Naturgeschichte und empfiehlt, die beiden Blumen im Garten nebeneinander zu pflanzen (nat. 21, 22-3). Auch in den Handschriften der Berner Sammlung folgt auf die Rose (Nr. 34) stets die Lilie (Nr. 35: De lilio) oder besser die Lilien, denn in den sechs Versen ist durchwegs die Pluralform (nos, 1) verwendet.

    Anders als die Rose macht die Lilie keine Triebe, sondern keimt im Erdreich aus einer Zwiebel, und so sind die Familienrollen hier neu verteilt: Die »offene Mutter« ist die Erde (die im Lateinischen feminine terra), während der rätselhafte »verborgene Vater« (pater occultus) die auch bei Plinius erwähnte Blumenzwiebel (lat. bulbus, m.) bezeichnet, aus der die Lilie wächst (1). Da sich auch dieser Zeugungsprozess ungeschlechtlich vollzieht, bleibt die Erde dabei «ehrenhaft» (honesta, 2, auch »anständig«, »schicklich«, »schön«) und lässt die Pflanze gedeihen (2). 

    Die weiteren botanischen Details betreffen den Wuchs und die sprichwörtlich kurze Blütezeit der mediterranen Weißen Lilie (Lilium candidum, auch Madonnenlilie), die hier beschrieben ist. Deren langer dünner Stängel (hasta, 2) endet im Hochsommer in »leuchtend weißen« Blüten mit goldgelben Staubbeuteln (6), die, wenn man sie berührt, stark abfärben. Das Rätsel erzählt dies als flüchtige, jedoch innige Begegnung zwischen Mensch und Pflanze: Kaum berührt und geschnitten, welkt die Lilie zwar rasch (3-4); die Verehrung, die man ihr bezeugt, aber vergilt sie und hinterlässt ihre »gelben Spuren« auf den Lippen all jener, die ihren Duft aus der Nähe riechen wollen (5-6).

    Erneut beschreibt das Rätsel seinen Gegenstand ganz aus dem Blick des geduldigen und dankbaren Gärtners. Von der Lilie als Blume der Bibel und Symbol der Reinheit findet sich in den sechs Versen bezeichnenderweise nichts.

Enigma XXXVI

De croco

Parvulus aestivas latens abscondor in umbras

Et sepulto mihi membra sub tellore vivunt.

Frigidas autumni libens adsuesco pruinas

Et bruma propinqua miros sic profero flores.

Pulchra mihi domus manet, sed pulchrior infra.

Modicus in forma clausus aromata vinco.

Rätsel 36

Der Safran

Klein bin ich, verborgen im sommerlichen Schatten,

und bin ich begraben, so leben meine Glieder unter der Erde.

An den kalten Frost im Herbst gewöhne ich mich gerne,

und ist der Winter nah, treibe ich prachtvolle Blüten.

Schön ist mein Haus, doch schöner noch bin ich im Innern.

Bescheiden und verschlossen in meiner Gestalt, übertreffe ich alle Gewürze.

Das Rätsel vom Safran (Nr. 36: De croco), den auch Plinius anschließend an die Rose, die Lilie und das Veilchen beschreibt (nat. 21, 31-34), dreht sich ganz um das Wachstum und die ungewöhnliche Blütezeit der Pflanze und erwähnt deren Verwendung als Gewürz erst ganz am Schluss. Genauer bezeichnet ist damit der zu den Krokussen gehörende Safran-Krokus (Crocus sativus), mit dessen getrockneten Blütennarben man in der griechisch-römischen Antike nicht nur Wein und Speisen würzte, sondern auch medizinische Salben, Parfüm und Färbemittel herstellte.

    Das Rätsel folgt den Vegetationsphasen der mehrjährigen Pflanze und erwähnt zuerst deren kleine Knollen, die – anders als bei unseren frühblühenden Krokussen – erst im Herbst treiben. Im Sommer ist der Safran deshalb noch unsichtbar und gleichsam lebendig begraben (1-2), bis sich vor dem Wintereinbruch – Plinius nennt den 11. November – die sechsblättrigen hellvioletten Blütenkelche zeigen (3-4). Sie sind das »Haus« (5), in dessen »Innern« die langen dreiteiligen Griffel mit ihren aromatischen orangeroten Narbenästen befinden. So ist der Safran zwar klein und »bescheiden« hinsichtlich seiner Gestalt, jedoch unübertroffen als Gewürz und Luxusware damals wie heute (6). 

    Der Safran-Krokus gelange im Altertum aus dem Nahen Osten über Griechenland in das Gebiet rund um das Mittelmeer und seine Fäden waren ein kostbares Handelsgut. Kleinere Anbaugebiete im nördlicheren Europa entstanden erst im Hoch- und Spätmittelalter.

Enigma XXXVII

De pipere

Pereger externas vinctus perambulo terras

Frigidus et tactu praesto sumenti calorem.

Nulla mihi virtus, sospes si mansero semper,

Vigeo nam caesus, confractus valeo multum.

Mordeo mordentem morsu nec vulnero dente.

Lapis mihi finis, simul defectio lignum.

Rätsel 37

Der Pfeffer

Als Fremdling durchwandere ich gefesselt auswärtige Länder,

und kalt anzufühlen, wärme ich den, der mich verzehrt.

Bleibe ich stets unversehrt, habe ich keine Kraft,

denn ich bin stark, wenn man mich haut, und zerbrochen vermag ich vieles.

Wer mich beißt, den beiße ich mit einem Biss, doch verletze ich nicht mit Zähnen.

Stein ist mein Ende und Holz mein Untergang.

Wertvoll und begehrt war in vormoderner Zeit auch der Pfeffer, der im Berner Rätsel (Nr. 37: De pipere) von seiner Herkunft, Verarbeitung, Wirkung und seinem Geschmack berichtet. Die gattungstypischen Paradoxa sind hier dicht aneinandergereiht: Das Rätselding ist zwar gefesselt, bewegt sich aber dennoch (1); es gibt warm, obwohl es sich kalt anfühlt (2); es ist kraftlos, wenn man ihm nichts antut (3), aber stark, sobald man es schlägt und bricht (4); und es beißt, obwohl es zahnlos ist (5). Beschrieben ist damit der Pfeffer als Gewürz und nicht der Pfefferstrauch (Piper nigrum), dessen Früchte, die Pfefferkörner, man seit der römischen Kaiserzeit aus Indien importierte und in getrockneter Form (schwarzer Pfeffer) oder geschält (weißer Pfeffer) in der Küche verwendete.

    Im Rätsel erscheint der Pfeffer deshalb als exotischer »Fremdling« (pereger) und Exilierter, der fern seiner Heimat »gefesselt« ist, weil er in Säcken oder Fässern gehandelt wird (1). Mit der wärmenden Wirkung des Pfeffers (2), von der man auch bei Theophrast (hist. plant. 9, 20) und Dioskurides (mat. med. 2, 159) liest, ist der scharfe Geschmack gemeint, der sich erst entfaltet, wenn man die Körner im Mörser zerreibt, was das Rätsel als Schlagen, Hauen und Brechen beschreibt (3-4). Das Ganze gipfelt im alliterierenden Wortspiel vom »gebissenen Beißer«: Mit dem »Biss« (morsu) seiner Schärfe »beißt« (mordeo) der Pfeffer den, der mit den Zähnen auf ihn beißt (mordentem), während er selbst zahnlos ist (nec vulnero dente, 5). Das Aufbäumen des Fremdlings ist allerdings nur von kurzer Dauer, denn das »Ende« und der »Untergang«, von denen im Schlussvers die Rede ist (6), verweisen wohl noch einmal auf den Mahlvorgang, nach dem der Pfeffer zuletzt im Kochtopf landet.

    Die Metapher vom doppelten Biss verwendet wörtlich gleich bereits Symphosius in seinem Zwiebel-Rätsel (Nr. 44: Caepa), von wo sie die angelsächsischen Rätseldichter entlehnten, nicht jedoch Aldhelm, dessen ebenfalls sechszeiliges Versrätsel vom Pfefferkorn (Nr. 40: Piper) Anklänge an das Berner Rätsel zeigt.

Enigma XXVI

De sinapi

Me si visu quaeras, multo sum parvulo parvus,

Sed nemo maiorum mentis astutia vincit.

Cum feror sublimi parentis humero vectus,

Simplicem ignari me putant esse natura.

Verbere correptus saepe si giro fatigor,

Protinus occultum produco corde saporem.

Rätsel 26

Der Senf

Winzig klein bin ich, wenn du mich sehen willst,

doch niemand Größerer übertrifft die Schärfe meines Charakters.

Wenn ich auf der hohen Schulter der Mutter getragen werde,

wähnen die Unwissenden, ich sei von Natur aus nichts Besonderes.

Werde ich aber gepackt und im Kreis mit Schlägen oft zermürbt,

erzeuge ich sogleich aus dem Innersten verborgene Würze.

Der Senf ist eine alte, aus dem Mittelmeergebiet stammende Kulturpflanze. Im Altertum verwendete man die Samenkörner des Weißen und Schwarzen Senfs (Sinapis alba bzw. Brassica nigra) als Küchengewürz und Arzneimittel und aß die Blätter der mit dem Kohl verwandten Senfpflanze als Gemüse. In die Gärten nördlich der Alpen gelangte der Senf erst im frühen Mittelalter.

    Der Sprecher des Berner Rätsels (Nr. 26: De sinapi) ist das winzige Senfkorn, das als runder Samen in den Schoten der Senfpflanze sitzt (1). Die Stängel des Weißen Senfs wachsen rund 70 cm hoch, die des Schwarzen bis zu zwei Meter. So ist die Pflanze die hochgewachsene »Mutter« des Senfkorns (3), von dessen verborgener Schärfe die Zeilen hauptsächlich handeln. Diese nämlich zeigt sich erst, wenn man die geruchlosen Samenkörner im Mörser zerstößt und mit Sodawasser und Essig vermischt, wie dies Columella in seinem Rezept zur Herstellung von Tafelsenf beschreibt (de re rust. 12, 57, 1-2). Im Rätsel wird daraus ein Gewaltakt, denn das Senfkorn wird »gepackt« und »im Kreis«, das heißt im runden Mörser, »mit Schlägen« zerquetscht (4-5), um am Ende allerdings dennoch zu triumphieren: Der Mutter entrissen, zeigt das Waisenkind seine ganze in ihm wohnende Kraft und »Würze« (6), und der äußerlich unscheinbare Witzling erweist sich auf einmal als der Größte (2).

    Das Thema findet sich in der älteren Rätselliteratur sonst nirgends. Die christlichen Dichter des Hochmittelalters hätten in den Versen wohl einen Bezug zum biblischen Gleichnis vom Senfkorn hergestellt, wo es heißt, dass dieses zwar kleiner als alle anderen Samen sei, sobald es aber zur Pflanze heranwachse, alle anderen Kräuter überrage (Mk 4, 30-32). Das Berner Rätsel erwähnt den Größenunterschied zwischen dem Samen und dem Stängel ebenfalls, doch steht hier nicht deren symbolträchtiges Gedeihen im Zentrum, sondern die naturgegebene Eigenschaft und der Wert der Pflanze in den erfahrenen Händen der Menschen.

Enigma LI

De alio

Multiplici veste natus de matre producor

Nec habere corpus possum, si vestem amitto.

Meos, unde nascor, in ventre fero parentes,

Vivo nam sepultus, vitam et inde resumo.

Superis eductus nec umquam crescere possum,

Dum natura caput facit succedere plantis.

Rätsel 51

Der Knoblauch

Mit einem mehrschichtigen Kleid bringt mich meine Mutter zur Welt,

doch kann ich keinen Körper haben, wenn ich das Kleid verliere.

Die Eltern, von denen ich stamme, trage ich in meinem Bauch,

denn ich lebe begraben und komme von dort zum Leben zurück.

Einmal geboren, kann ich niemals in die Höhe wachsen,

solange die Natur mir meinen Kopf unter die Füße setzt.

Das Rätsel vom Knoblauch (Nr. 51: De alio) vereinigt mehrere Motive und Stilmittel, die sich in der Berner Sammlung wiederholt finden. Zu den gattungstypischen Anthropomorphismen (Körper, Bauch, Kopf, Füße) kommen hier die Metapher des Kleidens und Entkleidens (1-2), das Paradox des mit seinen Eltern schwangeren Kindes (3), die groteske Vorstellung der Wiedergeburt des lebend Begrabenen (5) und die monströse Gestalt des Rätseldings (6). Bezeichnet sind damit die Knoblauchpflanze (Allium sativum) als Ganzes (der »Körper«, 2), die Knoblauchzwiebel (der »Bauch«, 3), deren mehrschichtige Hülle (das »Kleid«, 1-2) und zottelige Wurzel (der »Kopf«, 6) sowie das Ende des Stängels samt Laubblättern und weißen Blüten (die »Füße«, 6). Die »Eltern« des Knoblauchs aber sind seine Teilzwiebeln oder Zehen, die man beim Anbau in die Erde steckt, sodass die Pflanze aus sich selbst neu sprießt und gleichsam aus dem Grab aufersteht (3-4).

    Anders als beim Senf (Nr. 26) sagen die Zeilen nichts vom scharfen Geschmack des Knoblauchs, den etwa Plinius (nat. 19, 111) hervorhebt und die dünnen Schichten der Häutchen beschreibt, mit denen die Zehen umhüllt oder »bekleidet« (vestitis) sind. Seit alters schätzte man den Knoblauch nicht nur als allgegenwärtiges Nahrungsmittel, sondern auch als wirksame Heilpflanze. Beides blendet das Rätsel aus und präsentiert stattdessen das vertraute Gartengewächs als bizarren Sonderling.

    Das Rätsel druckte Strecker (1914) in seiner Edition der Berner Sammlung noch ohne Titel, denn er hatte keine Kenntnis der vatikanischen Handschrift Reg. lat. 1553, wo sich die richtige Lösung Alium (Knoblauch, f. 17v) findet.

Enigma XXXIX

De hedera

Arbor mihi pater, nam et lapidea mater;

Corpore nam mollis duros disrumpo parentes.

Aestas me nec ulla, ulla nec frigora vincunt,

Bruma color unus vernoque simul et aesto.

Propriis erecta vetor consistere plantis,

Manibus sed alta peto cacumina tortis.

Rätsel 39

Der Efeu

Ein Baum ist mein Vater, doch aus Stein meine Mutter;

trotz meines weichen Körpers zersprenge ich meine harten Eltern.

Weder die Sommerhitze noch die Kälte bezwingen mich,

und gleichfarbig grüne ich winters wie sommers.

Aufrecht kann ich nicht auf eigenen Füßen stehen,

aber mit verdrehten Händen suche ich die höchsten Höhen.

Zu den antiken Arznei- und Zierpflanzen zählt auch der in ganz Europa heimische Gewöhnliche Efeu (Hedera helix), von dem man irrtümlich glaubte, er nähre sich parasitär von den Bäumen, an denen er hochwachse, indem er ihnen Wasser entziehe. Der Efeu sei aber nicht nur ein Feind der Bäume, liest man in Plinius’ Naturkunde (nat. 16, 144), sondern er sprenge auch Mauern (muros rumpens). 

    Im Berner Rätsel heißt es ähnlich, dass der Efeu trotz seines »weichen«, d.h. biegsamen Körpers seine »harten Eltern« zersprenge (disrumpo, 2), und gemeint sind damit die Baumstämme, Felsen und Mauern, an denen der Efeu dank seiner Haftwurzeln emporklettert und in deren Spalten er sich gerne festsetzt. Dass diese als »Vater« bzw. »Mutter« (1) erscheinen, stimmt ausnahmsweise nicht mit der Grammatik überein – arbor (Baum) ist im Lateinischen weiblich, lapis (Stein) männlich –, doch wichtiger als die Zuordnung ist hier die Ironie, dass das Kind zwar gegen seine strengen Eltern rebelliert, doch letztlich nicht auf seinen »eigenen Füssen« stehen kann (5), sondern Vater und Mutter als Rankhilfe braucht, um in schlingenden Bewegungen (»mit verdrehten Händen«) in die Höhe zu klettern (6). So rahmen die Hinweise auf den speziellen Wuchs der Pflanze die beiden mittleren Verse (3-4), wo es darum geht, dass der immergrüne Efeu Hitze und Kälte trotzt und seine Blätter über das ganze Jahr die gleiche Farbe behalten und grünen (vernare).

Literaturhinweise

André, J., Les noms des plantes dans la Rome antique, Paris 1985.

André, J., Essen und Trinken im alten Rom, Stuttgart 1998 (zuerst als L’alimentation et la cuisine à Rome, Paris 1981).

Hehn, V., Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie das übrige Europa, 7. Aufl. Berlin 1902.

Hondelmann, W., Die Kulturpflanzen der griechisch-römischen Welt, Berlin 2002.

Küster, H., Wo der Pfeffer wächst. Ein Lexikon zur Kulturgeschichte der Gewürze, München 1987.

Marzell, H. (Bearb.), Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, 5 Bde., Leipzig 1943-58.

Published August 2021

How to quote this site:

Bitterli, Dieter. “Aus dem Garten.” Die Berner Rätsel. 2021. [online]. Available at: https://www.enigmata.ch/garten