Die Elemente 

Rätsel Nr. 3, 23, 38, 41, 42, 45, 49, 61 

 

Die naturphilosophische Idee von den vier Elementen – Feuer, Luft, Wasser und Erde – als Urstoffe aller natürlichen Dinge wurde in der griechisch-römischen Antike immer wieder behandelt und wirkte prägend weit über das Mittelalter hinaus. Seit Aristoteles ordnete man den Elementen jeweils zwei sich überschneidende Qualitäten zu: trocken-warm dem Feuer, feucht-warm der Luft, feucht-kalt dem Wasser und trocken-kalt der Erde (so noch Isidor, de nat. rer. 11, 2-3, nach Ambrosius, exam. 3, 4, 18). Dazu passen die Details in den Berner Rätseln von der Erde (Nr. 45) und vom Schatten (Nr. 61), wenn es heißt, das Erdreich sei nicht durstig und gleiche einem »kalten Leib«, und wenn die Luft, in der sich Schatten bilden, mit einem »feuchten« Ort verglichen wird.

    Insgesamt allerdings folgen die in den Handschriften verstreuten und hier als kleine Gruppe zusammengezogenen Rätsel keiner bestimmten Elementenlehre. Zu den Stücken über die »oberen« Elemente Feuer (Nr. 23) und Luft (Nr. 41 und 61) kommen solche über die »unteren« Elemente Wasser (Nr. 38, 42 und 49) und Erde (Nr. 45), einschließlich des Salzes (Nr. 3), das man traditionell zu den Steinen und Mineralien zählte. Die Mehrzahl der Rätseldinge berichten von sich mittels der für die Berner Sammlung typischen Bilder der Zeugung, Geburt und Kindschaft und erwähnen entweder ihren »Vater« oder ihre »Mutter« oder beides. Nebst der Entstehung und Verwandlung rückt jeweils das Verhältnis zwischen Natur und Mensch in den Vordergrund, wobei die verrätselten Erscheinungen zwar vermenschlicht sind und sprechen, ihre verborgenen Kräfte aber die unsrigen übersteigen und uns staunen lassen ob dem letztlich undurchdringbaren und immerwährenden Spiel der Elemente.

Enigma XXIII

De igne

Durus mihi pater, dura me generat mater,

Verbere nam multo huius de viscere fundor.

Modica prolatus feror a ventre figura,

Sed adulto mihi datur inmensa potestas.

Durum ego patrem duramque mollio matrem,

Et quae vitam cunctis, haec mihi funera praestat.

Rätsel 23

Das Feuer

Hart ist mein Vater, hart die Mutter, die mich zeugt;

nach manchem Schlag werde ich aus ihrem Innern geboren.

Gering ist meine Gestalt, trägt man mich aus dem Mutterleib,

doch bin ich erwachsen, besitze ich immense Kraft.

Den harten Vater und die harte Mutter erweiche ich,

doch was allen Leben spendet, bringt mir den Tod.

Feuer erzeugte man in der römischen Antike und im Mittelalter mit einem Schlagfeuerzeug, dem eisernen Feuerstahl, gegen den man ein hartes Stück Kieselgestein, den Feuerstein, schlug, damit die dabei entstehenden Funken den Zunder entfachen. Die seit Urzeiten verwendeten Feuersteine bestanden aus meist aus Flint. Die anfänglich meißelförmigen Feuerstahle schmiedete man seit der spätrömischen Zeit zu kleinen Stahlschienen mit gewölbten Griffarmen – eine Form, die sich bis in die Frühe Neuzeit hielt.

    Das Berner Rätsel vom Feuer (Nr. 23: De igne) beschreibt das Feuerschlagen und die zerstörerische Kraft der Flammen metaphorisch als Geburt, Elternschaft und Tod. Der im Lateinischen männliche Feuerstahl (lat. clavus, m.) und der weibliche Flintstein (lat. silex, f.) sind dabei die harten Eltern des sprechenden Feuers. Dieses entsteht »nach manchem Schlag« (2), indem der kleine Funke wie ein Neugeborenes aus dem »Mutterleib« des Steins austritt (3), um aus der Glut »erwachsen« und entflammt schließlich seine »immense Kraft» zu entfalten (4).

    Wie in den Rätseln vom Bienenwachs (Nr. 19), Schwamm (Nr. 32) oder Efeu (Nr. 39) aber wendet sich die Familiengeschichte jäh ins Dunkle, wenn es anschließend heißt, dass das Feuer seine harten Eltern erweicht (5), und wenn zuletzt gar vom »Tod« die Rede ist (6). Gemeint ist damit natürlich, dass das Feuer zwar selbst harten Stahl und Gestein zum Schmelzen bringen kann, jedoch erlischt, sobald man es mit Wasser übergießt, wobei der verhüllte Hinweis auf das Wasser als das, »was allen Leben spendet« (6), zum kleinen Rätsel im Rätsel wird. So bedeutet das eine, sonst lebenspendende Element den Tod des anderen, feurigen Elements.

Enigma XLI

De vento

Velox curro nascens grandi virtute sonorus;

Deprimo nam fortes, infirmos adlevo sursum.

Os est mihi nullum, dente nec vulnero quemquam,

Mordeo sed cunctos silvis campisque morantes.

Cernere me quisquam nequit aut nectere vinclis;

Macedo nec Liber vicit nec Hercules umquam.

Rätsel 41

Der Wind

Schnell laufe ich und rausche mit großer Kraft, wenn ich entstehe;

Starke werfe ich nieder, Schwache hebe ich in die Höhe.

Ich habe keinen Mund und verletze auch niemand mit Zähnen,

doch beiße ich alle, die in Wäldern und Feldern verweilen.

Keiner vermag mich zu sehen oder in Fesseln zu schlagen;

weder Alexander noch Liber noch Herakles hat mich je bezwungen.

Schon die seefahrenden Völker des frühen Altertums hatten ein differenziertes Wissen, was die Arten der unterschiedlichen Winde betraf, denen die Menschen über das Jahr zu Land und Wasser ausgesetzt waren, wenn auch die Ursachen meteorologischer Phänomene noch weitgehend unverstanden blieben. Winde waren göttlichen Ursprungs, hatten mythologische Namen und wurden gerne personifiziert als treibende Kräfte innerhalb des Naturgeschehens.

    Kein sanftes Lüftchen, sondern ein kräftiger Sturm spricht im Rätsel vom Wind (Nr. 41: De vento) und präsentiert sich als wildes Ungeheuer, das jäh aufbraust (1-2), den Menschen schadet (3-4) und das keiner zu bändigen vermag (5-6). Die große Kraft des Rätseldings ist gleich zu Beginn betont: Schnell (velox), kräftig (grandi virtute) und laut (sonorus) fegt der Sturmwind über die Erde und streckt nieder oder wirbelt in die Luft, was ihm im Weg steht (1-2). Die Gefahr, die dabei für Tier und Mensch ausgeht, umschreibt das zentrale Distichon mit dem Paradox des zahnlosen Beißers, das auch im Pfeffer-Rätsel (Nr. 37) vorkommt: Obgleich mund- und zahnlos, packt und »beißt« der Sturmwind alle, die sich ungeschützt in Wald und Feld aufhalten (3-4). Doch nicht nur unbelebt, sondern auch unsichtbar ist der Wind, heißt es am Schluss, und ein unbezwingbarer Gegner selbst für den Weltherrscher Alexander den Großen, den römischen Naturgott Liber und den kraftstrotzenden Herakles der antiken Sage (5-6).

    Die drei Namen stehen stellvertretend für unser Unvermögen angesichts der immensen Naturgewalt. Was sie verbindet ist die legendenhafte Unterwerfung des Orients: Alexander mit seinem triumphalen Asienfeldzug; Liber aufgrund seiner Gleichsetzung mit dem griechisch-römischen Gott Dionysos/Bacchus, dem mythischen Eroberer Indiens; und Herakles, den seine Heldentaten bis an die Grenzen der Welt führten. Der Topos vom heroischen Alexander, der »auf den Spuren des Vaters Liber und des Herakles wandelte« (Plinius, nat. 4, 39) und beide übertraf, stammt aus der klassischen Alexander-Historie. Liber und Herakles erwähnen im gleichen Zusammenhang auch Vergil (Aen. 6, 801-805), Ovid (met. 4, 20-21) und Horaz (epist. 2, 1, 5-13). 

    Der Wind ist ein altes Rätselthema und findet sich auch bei Aldhelm und seinen angelsächsischen Nachfolgern sowie mehrfach im altenglischen Exeterbuch. Der kleine antike Heldenkatalog des Berner Gedichts aber ist einmalig nicht nur innerhalb der Sammlung, sondern in der frühen Rätselliteratur insgesamt.

Enigma XXI

De umbra

Humidis delector semper consistere locis

Et sine radice inmensos porrego ramos.

Mecum iter agens nulla sub arte tenebit,

Comitem sed viae ego conprendere possum.

Certum me videnti demonstro corpus a longe,

Positus et iuxta totam me nunquam videbit.

Rätsel 61

Der Schatten

Ich stehe gerne stets an feuchten Stellen,

und ohne eine Wurzel strecke ich meine immensen Äste aus.

Wer mit mir unterwegs ist, wird mich nimmer aufhalten,

ich aber kann den Weggefährten einfangen.

Wer mich von weitem sieht, dem zeige ich meine deutliche Gestalt,

doch wer dicht daneben steht, wird mich nie ganz sehen.

Es scheine zwar, als ob unser eigener Schatten uns verfolgt und dabei stets derselbe sei, erklärt Lukrez in seinem Lehrgedicht Von der Natur der Dinge, doch was wir Schatten nennen, sei nichts anderes als Luft ohne Sonnenlicht; sobald wir uns nämlich bewegten, erfülle sich der lichtlose Boden wieder mit Sonnenstrahlen und ein neuer Schatten falle woanders hin (4, 364-86; danach Isidor, etym. 13, 10, 13). Das Rätsel vom Schatten (Nr. 61: De umbra) spielt mit dieser Sinnestäuschung in einer Reihe scheinbar unauflösbarer Paradoxa: Das Rätselding ist stationär und mobil zugleich (1, 3); es hat »Äste« doch keine »Wurzel« (2); es geht voraus und holt einem zugleich ein (3-4); und es ist deutlich sichtbar aus der Ferne, nicht jedoch von nah (5-6).

     Der Schatten ist auch hier ein Phänomen der Luft, wenn es eingangs heißt, dass sich dieser »stets an feuchten Stellen« (humidis … locis, 1) aufhält und dort gedeiht wie ein mächtiger Baum. Das passt zur traditionellen Idee der Luft als feucht-warmes Element – womit sich die von Meyer (1886) erwogene Konjektur humilis … loco (»an einem niedrigen Ort«) erübrigt – und ist zugleich ein Echo des Anfangsverses des Rätsels vom Schemel (Nr. 4), der gerade umgekehrt von sich sagt, dass es ihn graust, »stets an feuchten Stellen zu stehen« (mollibus horresco semper consistere locis, 1). Anders als das häusliche Möbelstück bewegt sich der flüchtige Schatten im Freien und treibt sein Vexierspiel wie ein Luftgeist, der einen unablässig begleitet, sich aber versteckt, sobald man ihm zu nahe kommt; denn während der Schatten aus der Distanz deutlich zu sehen ist, scheint er zu schrumpfen, wenn die Sonne über uns steht.

     Dass der Schatten sich nicht überlisten lässt, weil er sich stets wegbewegt, schreibt ähnlich Symphosius in seinem Rätsel zum selben Thema (Nr. 97: Umbra). 

Enigma XLIX

De pluvia

Mirantibus cunctis nascens infligo querelas;

Efficior statim maior a patre qui nascor.

Me gaudere nullus potest, si terrae coaequor;

Superas me cuncti laetantur carpere vias.

Inprobus amara diffundo pocula totis,

Et videre quanti volunt tantique refutant.

Rätsel 49

Der Regen

Sobald ich entstehe, klagen alle, die ob mir staunen;

kaum geboren, werde sogleich größer als mein Vater.

Keiner kann sich freuen, bin ich auf einer Stufe mit der Erde,

doch sind alle froh, schlage ich Höhenwege ein. 

Böse bin ich und gieße bittere Kelche über alle aus,

und so viele mich sehen wollen, so viele verschmähen mich auch.

Unbändige Naturkräfte wie beim Wind verbinden sich ähnlich mit dem Regen (Nr. 49: De pluvia). Dabei handelt das Rätsel nicht nur von der Entstehung des Regens und seinen verschiedenen Erscheinungsformen, sondern auch davon, wie das unkontrollierbare Element auf die Menschen wirkt. Diese nämlich staunen und klagen zugleich, sobald es zu regnen beginnt (1), sind betrübt, wenn das Wasser zur Flut anschwillt, und froh, wenn die Wolken weiterziehen (3-4), sodass sie den Niederschlag genauso verschmähen, wie sie ihn sich herbeiwünschen (6). So wirkt der sprechende Regen wie ein Gast, den man zwar bewundert, von dem aber dennoch niemand will, dass er länger einkehrt.

    Von der »Geburt« des Rätseldings ist auch hier die Rede: Die Regentropfen entstehen aus der väterlichen Wolke (lat. nimbus, m.) und übertreffen diese schnell an Größe (2), wenn sich der Regen ausbreitet oder gar zum Unwetter heranwächst (3). Als solcher nämlich gießt der Regen seine gefürchteten »bitteren Kelche« über uns aus und ist »böse« (inbrobus, 5). Die männliche Form passt streng genommen nicht zur weiblichen pluvia (Regen) des Titels, den die Handschriften überliefern, doch wandelt sich der Sprecher vom anfänglich kindlichen Nass zum kräftigen Regenguss, dem im Lateinischen männlichen imber wie bei Lukrez, der beschreibt, »wie die Regennässe sich in hohen Wolken sammelt und als Regenguss (imber) auf die Erde herabstürzt« (6, 495-97).

Enigma XXXVIII

De glacie

Corpore formata pleno de parvulo patre,

Nec a matre feror, nisi feratur et ipsa.

Nasci vetor ego, si non genuero patrem,

Et creatam rursus ego concipio matrem.

Hieme conceptos pendens meos servo parentes,

Et aestivo rursus ignibus trado coquendos.

Rätsel 38

Das Eis

Ein noch junger Vater formt mich mit vollem Körper,

doch die Mutter erzeugt mich nicht, wird sie nicht selbst erzeugt.

Ich kann nicht zur Welt kommen, ohne dass ich den Vater gebäre,

und die erschaffene Mutter empfange ich von neuem.

Während ich im Winter ruhe, erhalte ich meine empfangenen Eltern unversehrt,

und im Sommer gebe ich sie wieder zurück, auf dass man sie auf dem Feuer

     koche.

Enigma XLII

De glacie

Arte me nec ulla valet duriscere quisquam;

Efficior dura, multasque facio molles.

Cuncti me solutam cara per oscula gaudent

Et nemo constricta manu vel tangere cupit.

Speciem mi pulchram dat ubique rigidus auctor,

Qui eius ab ira iubet turpiscere pulchros.

Rätsel 42

Das Eis

Keiner kann mich künstlich erhärten;

hart werde ich erschaffen und mache viele weich.

Bin ich aufgelöst, freuen sich alle ob der lieben Küsse,

doch bin ich verfestigt, will niemand mich mit der Hand berühren.

Ein hübsches Aussehen gibt mir überall der strenge Vater,

der aus Zorn befiehlt, dass die Schönen verderben.

Gleich zwei Berner Rätsel handeln vom Eis (Nr. 38 und 42: De glacie). Wie Wasser zu Eis gefriert und schmelzendes Eis sich wieder in Wasser verwandelt, ist ein altes Rätselthema und ein Musterbeispiel, mit dem die römischen Grammatiker die Gattung erklärten: Ein Rätsel, schreibt im vierten Jahrhundert Donatus in seinem Lehrbuch (Ars maior 3, 6), beruhe auf einer verborgenen Ähnlichkeit zwischen zwei Dingen, »wie in ›Meine Mutter hat mich geboren, sie selbst wird bald aus mir geboren‹ (mater me genuit, eadem mox gignitur ex me), was bedeutet, dass Wasser zu Eis erstarrt und aus diesem wiederum herausfliest«.

    Die beiden Berner Eis-Rätsel variieren dieses Thema und erweitern die absurde Familienkonstellation um die Figur des Vaters, der an der Verwandlung beteiligt ist. Das Paradox der vom eigenen Kind geborenen Mutter findet sich explizit nur im ersten der beiden Stücke (Nr. 38). Mit der Mutter ist auch hier – wie im klassischen Paradigma und in den Rätseln Nr. 1, 3, 27 und 32 – das im Lateinischen feminine Wasser (aqua) gemeint, das als Regen, Schnee oder Schmelzwasser zuerst entstehen muss, bevor es gefrieren kann (2); und wenn das Eis später die Mutter »von neuem« empfängt, so bedeutet dies, dass sich der Zyklus im Wechsel der Jahreszeiten stets wiederholt. Schwieriger ist die Deutung des Vaters, der das Eis »formt« (1), doch ist damit wohl der Frost (lateinisch gelus, m.) personifiziert, der »noch jung« (parvulus, 1) ist, weil Eis sich bildet, kaum wird es draußen kalt, und der seinerseits ein Kind des Eises ist, weil Frost und Eis sich gegenseitig bedingen (3). So bleiben die Eltern – das mütterliche Wasser und der väterliche Frost – ganz und unversehrt, solange das Eis im Winter ruht und liegen bleibt (pendens, 5), bis die sommerliche Wärme es zum Schmelzen bringt und so wieder Wasser entsteht, das sich zum Kochen verwenden lässt (6).

    Die verschiedenen Aggregatszustände des Wassers – gefroren, flüssig und kochend – sind im zweiten Eis-Rätsel (Nr. 42) in einer Reihe von Gegensatzpaaren aufgeführt, die jeweils ein Distichon einnehmen: Das Eis ist von Natur aus hart; geschmolzen und erhitzt aber, erweicht es, was im Kochtopf gart (1-2); kaltes Eis berührt niemand gern, doch Wasser nehmen unsere Lippen wie liebe Küsse auf (3-4); und während das Eis hübsch anzusehen ist, so stirbt gleichzeitig manch anderes Schöne in der Kälte ab (5-6). Der Frost des ersten Eis-Rätsels ist hier der »strenge Vater« (rigidus auctor, 5), der den Naturvorgang einleitet und seinen »Zorn« spüren lässt, indem er die Erde mit klirrender Kälte überzieht und die Pflanzenwelt erstarren lässt (6). Trotzdem fehlen in dieser Version die paradoxen Bilder der doppelten Zeugung und Geburt, und stattdessen verbinden die Zeilen ihren wandelbaren Gegenstand näher mit der Sphäre des Menschen. Diese können zwar das Spiel der Elemente nicht künstlich beeinflussen (1), doch nehmen sie daran teil und erfreuen sich daran (3).

    Einen ähnlichen Dreizeiler mit der Lösung »Eis« verfasste schon Symphosius (Nr. 10: Glacies), und das Thema begegnet auch bei den angelsächsischen Rätseldichtern sowie in einem der karolingischen Lorscher Rätsel (Nr. 10), das womöglich nach dem Berner Vorbild entstand. Der poetische Vergleich zwischen Trinken und Küssen, den auch das Rätsel vom Glasbecher (Nr. 6) verwendet, findet sich allerdings nur hier.

Enigma III

De sale

Me pater ignitus, ut nascar, creat urendo,

Et pia defectu me mater donat ubique.

Is, qui dura solvit, hic me constringere cogit.

Nullus me solutam, ligatam cuncti requirunt.

Opem fero vivis opemque reddo defunctis;

Patria me sine mundi nec ulla valebit.

Rätsel 3

Das Salz

Brennend erzeugt mich der feurige Vater,

und allseits verteilt mich die liebevolle Mutter im Verdunsten.

Er, der Hartes löst, macht, dass ich mich verfestige.

Keiner braucht mich aufgelöst, gebunden aber alle.

Den Lebenden bringe ich Stärke und den Toten gebe ich sie zurück;

Kein Land der Welt kann ohne mich gedeihen.

Salz wurde in der Antike mehrheitlich aus dem Meer oder aus Salzseen gewonnen, doch förderte man auch fossiles Steinsalz aus Bergwerken. An den Küsten des Mittelmeers unterhielten Salzbauer mehrere Salinen, in deren Becken man Meerwasser unter der heißen Sonne verdunsten ließ, um die zurückbleibenden Salzkristalle in Haufen an der Luft zu trocknen. Die Salzgärten in Ostia an der Tibermündung etwa versorgten so Rom und Mittelitalien über die Via salaria (Salzstraße) noch bis in die Frühe Neuzeit mit Kochsalz.

    Die Salzgewinnung aus dem Meer ist in der Berner Sammlung typischerweise als Zeugung und Kindschaft beschrieben (Nr. 3: De sale), aus denen der Rätselgegenstand autonom hervorwächst. Der »feurige Vater« (1) ist die Sonne (lat. sol, m.), die sonst die Dinge zum Schmelzen bringt, hier aber macht, dass sich das Salz beim Verdunsten kristallisiert (3), während die »liebevolle Mutter« (2) einmal mehr das feminine Wasser, genauer das Meerwasser (aqua marina), bezeichnet, in dem das Salz »aufgelöst« (3) vorkommt. Von der Entstehungsgeschichte wechselt das Rätsel zum vielfältigen Nutzen des Salzes für die Menschen. Dazu gehört seit alters das Einsalzen von allerlei Lebensmitteln zur Konservierung, die Beigabe von Salz als Speisewürze und in der Tiernahrung sowie die vielfältigen medizinischen Verwendungen, die alle der ältere Plinius ausführlich beschreibt (nat. 31, 73-105) und dabei festhält, dass es »ohne Salz kein menschenwürdiges Leben« gebe (88).

    Im Schlussvers des Berner Rätsels klingt dies nach, während der merkwürdige Hinweis, dass das Salz nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten stark mache (5), wohl ebenfalls auf Plinius zurückgeht. Dieser nämlich schreibt, dass Salz adstringierend und trocknend wirke und »sogar Leichname vor Fäulnis bewahrt, so dass sie sich über Jahrhunderte halten« (31, 98), womit offensichtlich die ägyptische Tradition der Mumifizierung gemeint ist, bei der man unter anderem Salz und Natron verwendete.

    Auch das Salz-Rätsel des Angelsachsen Aldhelm (Nr. 19: Sal) dreht sich um die Verwandlung des Meerwassers durch die feurige Hitze der Sonne. Dass das Thema alt und traditionell ist, zeigt die Parallele unter den Rätselepigrammen der Griechischen Anthologie: »Aus dem Wasser entstanden, hat mich die unsterbliche Sonne wieder verfestigt; ich sterbe aber nur durch die Mutter« (AP App. VII 81). Mit der christlichen Bildrede vom »Salz der Erde« (Mt 5,13) hingegen hat das Berner Rätsel nichts zu tun. 

Enigma XLV

De terra

Os est mihi patens crebroque tunditur ictu;

Reddo libens omnes escas, quas sumpsero lambens.

Nulla mihi fames sitimque sentio nullam,

Et ieiuna mihi semper praecordia restant.

Omnibus ad escam miros efficio sapores

Gelidumque mihi durat per secula corpus.

Rätsel 45

Die Erde

Mein Mund steht offen und bekommt ständig Hiebe;

Allen gebe ich willig die Nahrung zurück, die ich leckend verzehre.

Hunger habe ich keinen und Durst verspüre ich nicht,

auch bleibt mein Magen stets nüchtern.

Für alle verleihe ich der Nahrung wunderbaren Geschmack,

während mein kalter Leib die Zeiten überdauert.

Das Rätsel von der Erde (Nr. 45: De terra) beschreibt diese nicht als Teil des Universums, sondern als Element und fruchtbarem Boden, der allen Nahrung bietet. Die für die Sammlung typischen Anthropomorphismen finden sich auch hier, wobei der offene »Mund« (1), der nüchterne »Magen« (4) und der kalte »Leib« (6) nur scheinbar die eines Lebewesens sind, denn die Erde verspürt weder Hunger noch Durst (3), isst nicht (4) und lebt ewig (6). Die paradoxen Vergleiche beziehen sich auf die Nutzbarmachung der Erde als Kultur- und Ackerland. Der geöffnete Mund und die ständigen »Hiebe«, die die Sprecherin einstecken muss (1), bezeichnen das Pflügen des Ackerbodens und die offene Krume. Diese nimmt zwar das Saatgut auf und »verzehrt« es gleichsam, gibt das Empfangene aber in Form reifer Feldfrüchte wieder zurück (2), auf dass den Menschen ihr Essen schmeckt (5).

    Anders als das vernichtende Feuer (Nr. 23) oder der unzähmbare Sturmwind (Nr. 41) erscheint die Erde damit als selbstlose Dienerin an den Menschen, die sich diesen »willig« hingibt und sie dennoch überlebt.

Literaturhinweise

Bergier, J.-F., Die Geschichte vom Salz, Zürich 1989 (zuerst als Une histoire du sel, Fribourg 1982).

Böhme, G. u. H., Feuer, Wasser, Erde, Luft: eine Kulturgeschichte der Elemente, 3. Aufl. München 2014.

Cohen, J.J., u. L. Duckert (Hgg.), Elemental Ecocriticism: Thinking with Earth, Air, Water, and Fire, Minneapolis 2015.

Forbes, R. J., Studies in Ancient Technology, vol. 3, Leiden 1965.

Weiner, J., Feuerschlagsteine und Feuererzeugung, Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, hg. v. H. Floss, Tübingen 2012, 943–960.

Published October 2021

How to quote this site:

Bitterli, Dieter. “Die Elemente.” Die Berner Rätsel. 2021. [online]. Available at: https://www.enigmata.ch/elemente