Bäume und Nutzpflanzen 

Rätsel Nr. 12, 13, 14, 15, 16, 27, 47, 48, 50, 63

 

Die in den Handschriften aufeinander folgenden Rätsel vom Saatkorn, der Weinrebe und dem Ölbaum (Nr. 12-14) behandeln die drei zentralen Nahrungs- und Besitzgüter des antiken Mittelmeerraums – Getreide, Wein und Olivenöl – und bilden zusammen mit der Dattelpalme (Nr. 15) und der Wacholderbeere (Nr. 16) eine kleine thematische Gruppe. Auffällig darin ist die genaue und detailreiche Kenntnis der mediterranen Flora, die sich genauso in den Rätseln von der Papyrusstaude (Nr. 27), der Kastanie (Nr. 47) und der Walnuss (Nr. 48) zeigt, und die in vielem mit dem übereinstimmt, was sich in den römischen Schriften zum Landbau – bei Cato, Varro, Vergil, Columella, Plinius oder Palladius – findet. 

    Dazu gehört die Vorstellung des im Lateinischen femininen Baums (arbor) als »Mutter« der Setzlinge oder Früchte, die die Rätsel mehrfach abwandeln und mit den charakteristischen Motiven der Geburt, der Familie und des Todes verbinden. So sind hier der Ölbaum, der Wacholder, die Edelkastanie, der Walnussbaum und die Weinrebe die personifizierten Mütter der an ihnen als »Kinder« wachsenden Beeren und Nüsse, während das männliche Saatkorn als »Vater« des Getreides auftritt und der Papyrus als »Sohn« des Wassers heranwächst. 

Enigma XIV

De oliva

Nullam ante tempus inlustrem genero prolem

Annisque peractis superbos genero natos.

Quos domare quisquis valet industria parvos,

Cum eos marinus iunctos percusserit imber.

Asperi nam lenes sic creant filii nepotes,

Tenebris ut lucem reddant, dolori salutem.

Rätsel 14

Der Ölbaum

Edlen Nachwuchs zeuge ich nie allzu zeitig,

nach Jahren aber zeuge ich vortreffliche Kinder.

Jeder kann die Kleinen mit Fleiß züchtigen,

solange die Feuchtigkeit des Meeres die Verbundenen durchdringt.

So erschaffen bittere Söhne milde Enkel,

sodass diese Licht in die Finsternis und Linderung dem Schmerz bringen. 

.

Der auch in der Bibel mehrfach erwähnte Öl- oder Olivenbaum (Olea europaea) ist der mediterrane Baum schlechthin, den das Altertum wegen seines kostenbaren Öls, das als Nahrung, als Brennmittel und zur Körperpflege diente, an die »Spitze aller Bäume« (Columella, de re rust. 5, 8, 1) stellte. Entsprechend eingehend behandeln die römischen Agrarschriftsteller den genügsamen und sprichwörtlich »langsam wachsenden Ölbaum« (Vergil, georg. 2, 3) – von den Techniken seiner Anpflanzung und Veredelung bis zur Ernte und Verarbeitung seiner Steinfrüchte in der Ölpresse.

     Das botanische Wissen verdichtet das Berner Rätsel (Nr. 14: De oliva) in drei Abschnitten über den Wuchs (1-2), die Aufzucht (3-4) und den Nutzen (5-6) des Ölbaums mittels der Metaphern der Zeugung und der Familie, die in der Sammlung immer wieder begegnen. Der »edle Nachwuchs« und die »Kinder«, die das sprechende Rätselding – scheinbar widernatürlich – erst »nach Jahren« hervorbringt (1-2), sind natürlich die Oliven, die in brauchbarer Qualität erst an ausgewachsenen Bäumen und nur alle zwei Jahre wachsen. Das Bild der fleißigen Kindererziehung (3) beziehet sich auf die Aufzucht der Ölbäume in Pflanzschulen und das Veredeln der verschiedenen Sorten, wie dies etwa Plinius der Ältere in seiner Naturkunde beschreibt, der auch weiß, dass der Baum nur in einem Umkreis von höchstens »40000 Schritten vom Meer entfernt« wächst (nat. 15, 1). Genau dies ist gemeint, wenn es im Rätsel weiter heißt, dass die miteinander am Baum verbundenen Früchte – oder die Bäume im Olivenhain – nur dann gedeihen, wenn sie der Meeresfeuchtigkeit (marinus … imber, 4) und damit dem mediterranen Klima ausgesetzt sind. Erst so nämlich wachsen mit den noch unreifen Oliven jene »bitteren Söhne«, aus denen sich das Öl als die »milden Enkel« des Mutterbaums gewinnen lässt (5), das den Menschen als Brennstoff für die Öllampe (vgl. Rätsel Nr. 2) und als Heilmittel dient (6). Olivenöl nämlich wärme den Körper, schreibt schon Plinius (nat. 15, 19), schütze gegen Frost und kühle den heißen Kopf.

Enigma XV

De palma

Pulchra semper comis locis consisto desertis,

Ceteris dum mihi cum lignis nulla figura.

Dulcia petenti de corde poma produco

Nullumque de ramis cultori confero fructum.

Nemo, qui me serit, meis de fructibus edit,

Et amata cunctis flore sum socia iustis.

Rätsel 15

Die Dattelpalme

Mit stets schönem Schopf stehe ich in Wüstengegenden,

und dabei ist meine Gestalt nicht wie bei anderen Bäumen.

Süßes Obst erzeuge ich aus dem Innersten für die, die danach verlangen,

doch keine einzige Frucht bringe ich dem Züchter von meinen Ästen.

Niemand, der mich sät, wird von meinen Früchten essen,

und stehe ich in Blüte, bin ich allen Gerechten eine liebe Gefährtin. 

Ein biblischer Baum und eine alte Kulturpflanze ist auch die Palme (Nr. 15: De palma), die sich mit ihren süßen Früchten genauer als Dattelpalme (Phoenix dactylifera) zu erkennen gibt. Anders als die rund ums westliche Mittelmeer heimische Zwergpalme, die keine Früchte trägt, ist die Dattelpalme wildwachsend vor allem im trockenen Nordafrika und Orient verbreitet und wurde schon im Altertum dort auch kultiviert, weshalb es im Rätsel denn auch heißt, der Baum stehe »in Wüstengegenden« (1). Dabei ist nicht nur die Gestalt der schlanken Dattelpalme anders als »bei anderen Bäumen« (2): Der lange Stamm ist nicht verzweigt und endet in einer Krone gefiederter und immergrüner Blätter, die das Rätsel als coma (1) bezeichnet, was »Haupthaar« aber auch »Laub« bedeutet (und hier mit »Schopf« übersetzt ist). Das »süße Obst« der essbaren Datteln wächst nicht an Ästen wie bei unseren Obstbäumen, sondern aus der Spitze des Stamms und in traubenförmigen Büscheln (3-4). Anders sind auch die Anzucht und die Art der Vermehrung, die anstatt durch Aussaat der Samen besser mittels Teilung des Mutterstamms und Bestäubung der weiblichen Setzlinge mit männlichen Pollen geschieht (5), wie dies schon Plinius genau beschreibt, bei dem sich auch die übrigen botanischen Nachrichten finden, die in das Rätsel eingearbeitet sind (nat. 13, 26-50).

     Die kultische Bedeutung, die die Palme als Siegeszeichen im Altertum hatte, klingt einzig ganz am Schluss an, wo das Bild der »lieben Gefährtin« aller Rechtschaffenen (6) an den Bibelvers »Der Gerechte wird blühen wie eine Palme« (Ps 91,13) erinnert. Wie sehr die Berner Sammlung einmal mehr die Vorstellungswelt der religiösen Symbolik ausblendet, zeigt der Vergleich zu den Enigmata Aldhelms, der in seinem Palmenrätsel (Nr. 91: Palma) zwar die Dattelfrüchte erwähnt, den Baum aber primär als ein von Gott geschaffenes Sinnbild für den glorreichen Märtyrertod preist.

Enigma XVI

De cedria

Me mater ut vivam spinis enutrit iniquis;

Faciat ut dulcem, inter acumina servat.

Tereti nam forma ceram confingo rubentem

Et incisa nullam dono de corpore guttam.

Mellea cum mihi sit sine sanguine caro,

Acetum eructant exta conclusa saporem.

Rätsel 16

Wacholderbeere

Damit ich überlebe, zieht mich die Mutter unter gefährlichen Dornen groß;

um mich süß zu machen, hütet sie mich zwischen Stacheln.

Rund von Gestalt, spiegele ich vor, rötliches Harz zu sein,

doch schneidet man mich ein, gebe ich keinen Tropfen aus meinem Leib.

Obgleich mein honigsüßes Fleisch keinen Saft hat,

schmecken meine verschlossenen Eingeweide nach Essig. 

Cedrus oder mehrheitlich De cedria sind die Zeilen in den Handschriften überschrieben, worunter man im Altertum und Mittelalter sowohl die Zeder als auch den Wacholder bzw. deren Harz (cedria) verstand. Das sprechende Rätselding ist hier aber weder der Baum noch das Harz, sondern die Frucht, die als »süße« Tochter des Mutterbaums unter deren spitzen »Dornen« und »Stacheln« geschützt heranwächst (1-2). Diese, so heißt es weiter, ist »rund« und »rötlich« wie Harz (3), und ihr saftloses Fleisch schmeckt bitter-süß wie Essig (5-6).

    Die Beschreibung passt auf die kleinen rotbraunen Beerenzapfen des im Mittelmeerraum heimischen Stech-Wacholders (Juniperus oxycedrus). Unter der Bezeichnung »kleinere Zeder« oder »Stachelzeder« (oxykedros) findet sich der Stech-Wacholder wiederum bei Plinius (nat. 13,52-53), der die nadelförmigen stacheligen Blätter und süßen Früchte des strauchartigen Baums hervorhebt (nat. 13, 52-53) und von der Verwendung der Zapfen als Heilmittel schreibt (nat. 24, 20).

     Der lateinische Name für den Zeder- und Wacholderzapfen ist cedris (f.), und die korrekte Überschrift des Rätsels müsste demnach De cedride (statt De cedria) lauten, wie einige Herausgeber festhalten. Das botanische Wissen über den Stech-Wacholder und seine Zapfen, das hier einfließt, ist zwar detailreich und präzise, ohne einen Titel aber wäre das Rätsel wohl kaum lösbar.

Enigma XLVII

De castanea

Aspera, dum nascor, cute producor a matre

Et adulta crescens leni circumdor amictu.

Sonitum intacta magnum de ventre produco

Et corrupta tacens vocem non profero ullam.

Nullus in amore certo me diligit unquam,

Nudam nisi tangat vestemque tulerit omnem.

Rätsel 47

Die Kastanie

Meine Mutter hat mich mit einer rauen Schale zur Welt gebracht,

doch bin ich herangewachsen, umhüllt mich ein sanftes Gewand.

Unversehrt mache ich großen Lärm aus meinem Bauch,

verdorben aber schweige ich und bringe keinen Laut hervor.

Keiner liebt mich je von ganzem Herzen,

außer er entblößt mich aller Kleider und berührt mich nackt.

Die Kastanie (Nr. 47: De castanea), genauer die Ess- oder Edelkastanie (Castanea sativa) mit ihrer essbaren Nussfrucht oder Marone, ist ebenfalls eine typisch südeuropäische Nutzpflanze. Die Römer kultivierten den Baum in verschiedenen Sorten in ganz Italien und den südlichen Provinzen und schätzten nebst den nahrhaften Früchten, die man kochte, das widerstandsfähige Kastanienholz (die heute weit verbreitete Rosskastanie wurde erst im 16. Jahrhundert aus dem Osten eingeführt). Wie beim Rätsel vom Ölbaum (Nr. 14) präsentieren sich Baum und Frucht in einem Mutter-Kind-Verhältnis, nur dass diesmal das Kind, also die Kastanienfrucht, spricht: Sie entwickelt sich am Mutterbaum in einer »rauen Schale« (1), bis ein »sanftes Gewand« die ausgewachsene Frucht umhüllt (2). Bezeichnet sind damit der äußere stachelige Fruchtbecher der Kastanie mit seinen ein bis drei Früchten und die innere braune Schale der ausgereiften Nuss, die vergleichsweise weich und ledrig ist. Beide beschreibt Plinius in seiner Naturkunde und nennt nebst der stacheligen Hülle (calyx) und der biegsamen Schale (cortex) die feine Samenhaut (membrana), die als dritte Schicht den essbaren Kern umgibt und die, wenn man sie nicht abziehe, dessen Geschmack verderbe (nat. 15, 92). 

     Dies weiß auch das Berner Rätsel, wenn es heißt, dass die Kastanie nur genießbar ist, wenn sie ihrer »Kleider« entblößt und »nackt«, also ganz geschält ist. Der Vergleich führt die Kleider-Metaphorik der Anfangsverse weiter und schließt mit einem erotischen Unterton, der schon im Begriff intacta (3) anklingt, was – wie im Ei-Rätsel (Nr. 8) – »unberührt« oder »unversehrt« aber auch »jungfräulich« bedeutet. Der nicht einfach zu deutende Mittelteil des Rätsels (3-4) aber bezieht sich auf die Zeit, wenn im Herbst die reifen Kastanien von den Bäumen fallen: Sind die braunen Fruchtbecher nämlich »unversehrt« und voller essbarer Nüsse, so krachen sie geräuschvoll auf den Waldboden (3); sind sie aber »verdorben« oder leer, fallen sie lautlos herunter (4). So zeichnet das Rätsel den Lebenszyklus der Kastaniennuss in drei Schritten nach: Vom Wachsen und Reifen am Baum (1-2), zur Ernte der Früchte (3-4) und zu deren Verzehr durch die Menschen (5-6). 

Enigma XLVIII

[De nuce]

Quattuor has ego conclusa gero figuras,

Pandere quas paucis deposcit ratio verbis:

Humida sum sicca, subtili corpore crassa,

Dulcis et amara, duro gestamine mollis.

Dulcis esse nulli possum nec crescere iuste,

Nisi sub amaro duroque carcere nascar.

Rätsel 48

Die Walnuss

Verschlossen, habe ich diese vier Erscheinungsformen,

die man mit wenigen Worten so erläutern kann:

Feucht bin ich trocken, dick mit dünnem Leib,

süß und bitter, weich mit harter Schale.

Für keinen kann ich süß sein noch gehörig wachsen,

wenn ich nicht im bitteren und harten Kerker geboren werde.

Auf das Kastanien-Rätsel folgen in den Handschriften sechs Zeilen ohne Titel, die offensichtlich ebenfalls eine Baumfrucht, diesmal jedoch eine Walnuss beschreiben (Nr. 48: De nuce), wie schon die frühen Herausgeber Brandt (1883) und Meyer (1886) richtig vermuteten. Darauf deuten die vier paradoxen »Erscheinungsformen« (figuras, 1) des sprechenden Rätseldings, das zugleich feucht und trocken, dick und dünn, süß und bitter, und weich und hart ist (3-4). Die Reihung der femininen Adjektive (humida, sicca, crassa, dulcis, amara, mollis) passt zum grammatikalischen Geschlecht der Nuss (nux, f.) und ihrer Botanik. Walnüsse wachsen als Samenkern einer kugeligen grünen Fruchthülle, die fleischig und dicker ist als die harte zweiteilige Schale des essbaren Kerns; die Nüsse sind feucht, wenn man sie bei der Ernte aus der Frucht löst, bevor man sie anschließend trocknet; und bitter ist nicht nur die ungenießbare Fruchthülle, sondern auch die dünne Samenhaut, die den süßen Kern umgibt. Die abschließenden beiden Verse führen dies weiter aus, denn süß und groß wird die Nuss nur, wenn sie am Baum im »bitteren und harten Kerker« der Frucht heranwächst (5-6).

     Wie die Esskastanie wurde auch die Walnuss von den Römern im Westen eingeführt, angebaut und beschrieben. Plinius nennt verschiedene Arten und betont die Besonderheit des doppelten Schutzes durch die äußere dichte Hülle und die innere hölzerne Schale, in der der weiche fetthaltige Walnusskern sitzt (nat. 15, 86-91).

Enigma XXVII

De papiro

Amnibus delector molli sub cispite cretus

Et producta levi natus columna viresco.

Vestibus sub meis non queo cernere solem,

Aliena tectus possum producere lumen.

Filius profundi dum fior lucis amicus,

Sic quae vitam dedit mater, et lumina tollit.

Rätsel 27

Der Papyrus

Auf weichem Boden entstanden, gefällt es mir an Flüssen,

und einmal gezeugt, grüne ich am glatten emporgewachsenen Stängel.

Unter meiner eigenen Kleidung kann ich die Sonne nicht sehen,

doch bedeckt mit fremder, vermag ich Licht zu erzeugen.

Während ich als Sohn der Tiefe zum Freund des Lichts werde,

nimmt die Mutter, so wie sie mir das Leben gab, das Licht auch weg.

Beim Papyrus assoziieren wir heute die Schriftrollen des Altertums, die unserem modernen Papier den Namen gaben. Nicht so das Berner Rätsel (Nr. 27: De papiro), das zunächst den Wuchs der Papyrusstaude beschreibt (1-3) und danach einzig die Verwendung des Marks des Papyrusstängels als Lampen- und Kerzendocht erwähnt (4-6). Von beidem berichtet Plinius in seiner Naturkunde und schreibt, die Staude wachse am sumpfigen Nilufer Ägyptens (nat. 13, 71), das in der Antike das Monopol für die Papyrusherstellung innehatte. Erneut sind die botanischen Fakten im Rätsel äußerst genau bezeichnet: der weiche Flussboden, in dem der Papyrus wurzelt (1), die glatte Oberfläche seiner bis zu fünf Meter hohen grünen Halme (2) und die schirmförmigen Blätterkronen, die so dicht sind, dass sie die Stängel ganz verdecken (3).

    Das Rätsel entwickelt daraus ein Spiel mit den Gegensatzpaaren vom Schatten und Licht und von der eigenen und fremden Hülle. Bedeckt mit der eigenen »Kleidung« der Blätterbüschel, kann die Pflanze »die Sonne nicht sehen« (3), doch im fremden Gewand der tönernen Öllampe oder der Wachskerze erzeugt der Papyrusdocht Licht (4). Das abschließende Distichon führt dies weiter und verwendet dazu wiederum das Bild der Mutterschaft: Das im Lateinischen feminine Wasser (aqua) ist die »Mutter«, in der die männliche Pflanze (papirus) als »Sohn der Tiefe« heranwächst, um in den Händen der Menschen – als lichtspendender Docht – zum »Freund des Lichts« zu werden (5). Das Wasser aber kann die Flamme auch löschen, und dasselbe Element, das Leben gibt, nimmt dieses auch (6).

    Anders als die Palme oder der Wein kommt der Papyrus in der spätantiken und mittelalterlichen Rätselliteratur sonst nirgends vor. Die bei Plinius und anderen noch ausführlich erklärte Herstellung beschreibbarer Papyrusblätter aber lässt das Berner Rätsel unerwähnt, was auch damit zu tun hat, dass in der christlichen Spätantike das Pergament (vgl. Rätsel 24 und 50A) zum hauptsächlichen Beschreibstoff wurde und die Papyrusrolle ablöste. 

Enigma XII

De grano

Mortem ego pater libens adsumo pro natis

Et tormenta simul, cara ne pignora tristent.

Mortuum me cuncti gaudent habere parentem

Et sepultum nullus parvo vel funere plangit.

Vili subterrena pusillus tumulor urna,

Sed maiori possum post mortem surgere forma.

Rätsel 12

Das Saatkorn

Als Vater nehme ich für meine Kinder willig den Tod auf mich

und zugleich Folterqualen, damit die lieben Kleinen nicht traurig sind.

Alle freuen sich, mich als toten Vater zu haben,

und werde ich bestattet, trauert keiner an meinem schlichten Begräbnis.

Als Winzling werde ich in einer wertlosen Urne begraben,

doch kann ich nach dem Tod in größerer Gestalt auferstehen

Das Rätsel vom Saatkorn (Nr. 12: De grano) beschreibt die Entstehung der Getreidepflanze aus dem Saatgut als ein schicksalhaftes Familiendrama, in dem das sprechende Korn als »Vater« und das Getreide als dessen »Kinder« auftritt. Die Eltern-Kind-Metapher und das Spiel mit den Verwandtschaftsverhältnissen, die sich in der Berner Sammlung immer wieder finden, werden hier allerdings ins Dunkle gewendet, denn statt von Zeugung und Geburt handeln die Zeilen von Folter, Tod und Trauer, von denen der Sprecher wie ein Wiedergänger aus dem Totenreich in düsteren Bildern berichtet. Die »Folterqualen« (2), die das Korn willig auf sich nimmt, bedeuten das Dreschen des Getreidegarben nach der Ernte, während das Säen des Saatguts als makabreres »Begräbnis« inszeniert wird, bei dem das Korn in der Erde gleichsam »bestattet« wird (4). Die Vorstellung ist im Rätsel mit weiteren Details ausgeführt: Die Beisetzung ist »schlicht« und der »Winzling« liegt in einer »wertlosen Urne« (4-5), denn das kleine Samenkorn verschwindet namenlos im Erdreich und einzig die Schale schützt den Keimling. Dabei betrübt der schlimme Opfertod nicht einmal die eigenen »lieben Kleinen« (2), ja »alle freuen sich« gar, dass der Vater tot ist, wird er doch zu neuem Leben erweckt, wenn er »nach dem Tod« als junge Getreidepflanze »in größerer Gestalt« aufersteht (6). 

    In der Vorstellung vom Vater, der sich für seine Kinder opfert und aufersteht, überschneiden sich Antik-Heroisches und Christliches; Korn und Ähren sind biblische Bilder der Fruchtbarkeit und eucharistische Symbole. Trotzdem beschränkt sich das Rätsel ganz auf den Naturvorgang und seine paradoxen Facetten, ohne dabei das allegorische Potenzial auszuschlachten. Mehr zur antiken als zur christlichen Welt gehört auch die Urne (urna, 5), mit der der Ackerboden verglichen wird, denn Urnen, wie sie die Römer bei der Feuerbestattung für die Totenasche verwendenden, kamen in frühchristlicher Zeit außer Gebrauch, nachdem sich die Erdbestattung allgemein durchgesetzt hatte.

    Über den Anbau und die verschiedenen Arten von Getreide berichten umfassend die römischen Agronomen. Getreide, speziell der im Herbst gesäte Saatweizen, war das wichtigste Nahrungsmittel und die verbreitetste Feldfrucht der Antike und des Mittelalters und gehörte zusammen mit dem Wein (vgl. Rätsel Nr. 13, 50 und 63) und dem Olivenöl (Nr. 14) zur Trias der typisch mediterranen Ernährung. Die weitere Verarbeitung des Korns zu Mehl beschreiben die Rätsel vom Mühlstein (Nr. 9) und vom Sieb (Nr. 17).

Enigma XIII

De vite

Uno fixa loco longinquis porrego victum.

Caput mihi ferrum secat et brachia truncat.

Lacrimis infecta plura per vincula nector,

Simili damnandos nece dum genero natos.

Sed defuncti solent ulcisci liberi matrem,

Sanguine dum fuso lapsis vestigia versant.

Rätsel 13

Die Weinrebe

Fest an einem Ort, reiche ich Entfernten Nahrung.

Ein Messer schneidet mir den Kopf ab und stutzt meine Arme.

In Tränen werde ich durch zahlreiche Bande gefesselt,

während ich Kinder zeuge, die zu einem ähnlichen Tod verdammt sind.

Doch die verstorbenen Nachkommen pflegen die Mutter zu rächen,

und ist Blut vergossen, verdrehen sie den Gestrauchelten die Schritte. 

Gleich drei Stücke der Berner Sammlung handeln vom Weinbau und bezeugen so dessen zentrale Bedeutung für die antike und frühmittelalterliche Landwirtschaft. Zwei davon handeln vom Wein und dessen Wirkung (Nr. 50 und 63); ihnen voraus geht das Rätsel von der Weinrebe (Nr. 13: De vite), das die Verarbeitung der Trauben zu Wein als grausige Mord- und Rachegeschichte erzählt. Deren Sprecherin und Opfer zugleich ist die im Lateinischen feminine Weinrebe (Vitis vinifera): Fest eingepflanzt und unbeweglich steht sie im Rebberg und kann dennoch »Entfernten Nahrung« geben (1). Was es dazu braucht, erklären die Verse 2-4: Der Winzer muss im Frühjahr die Triebe der Rebe schneiden, sodass sich an den Schnittstellen Wassertropfen oder Rebtränen sammeln, was im Rätsel als brutale Verstümmelung und tränenreiche Fesselung beschrieben wird (2-3). Nur so wachsen über den Sommer die Trauben als die »Kinder« des Rebstocks heran, doch ereilt auch sie im Herbst der »Tod« in der Weinpresse (4). Den Mord an der Mutter aber rächen später die gegorenen Trauben »mit ihrem vergossenen Blut«, das heißt als Wein, der die Menschen betrunken macht und sie zur Vergeltung straucheln lässt (5-6) – ein Bild, mit dem auch Aldhelm sein Rätsel vom Glasbecher (Nr. 80: Calix vitreus) beschließt.

    Die krassen Vergleiche und die unverblümte Gewalt, die aus den sechs Zeilen spricht, passen zum Rätsel von Saatkorn (Nr. 12), das in den meisten Handschriften vorausgeht. An den Bericht vom Opfertod des Vaters (Korn) für seine Kinder (Getreide) schließt sich hier derjenige von der Mutter (Weinrebe) und ihrer Nachkommen (Trauben) – ein Diptychon vom Leben und Sterben, das nicht einem göttlichen Plan, sondern dem menschlichen Willen folgt, auch wenn dieser nicht immer obsiegt. Dabei zeichnen die starken Sprachbilder die naturgeschichtlichen Vorgänge genau nach, vom »Schwert« oder »Eisen« (ferrum, 1) des sichelförmigen Rebmessers (lat. falx vinitoria) bis zu den »Tränen« (3) des Rebwassers (lat. lacrima vitis), die auch die römischen Agrarschriftsteller beschreiben.

Enigma L

De vino

Innumeris ego nascor de matribus unus,

Genitusque nullum vivum relinquo parentem.

Multa me nascente subportant vulnera matres,

Quarum mihi mors est potestas data per omnes.

Laedere non possum, me si quis oderit, umquam

Et iniqua reddo me quoque satis amanti.

Rätsel 50

Der Wein

Von zahllosen Müttern bin ich allein geboren,

und werde ich gezeugt, lasse ich meine Eltern tot zurück.

Bei meiner Geburt ertragen meine Mütter viele Wunden,

und ihr Tod verleiht mir Macht über alle.

Keinem kann ich je wehtun, wenn einer mich hasst,

doch bereite ich Unbill dem, der mich zu sehr liebt.

Enigma LXIII

De vino

Pulchrior me nullus versatur in poculis umquam,

Ast ego primatum in omnibus teneo solus,

Viribus atque meis possum decipere multos;

Leges atque iura per me virtutes amittunt.

Vario me si quis haurire volverit usu,

Stupebit ingenti mea percussus virtute.

Rätsel 63

Der Wein

Schöner als ich lebt keiner je in Bechern,

und in allem behaupte ich allein den Vorrang.

Mit meinen Kräften kann ich manche täuschen;

selbst Gesetz und Recht verlieren durch mich ihre Stärken.

Wollte mich einer durch häufigen Genuss erschöpfen,

so wird er staunen, erschüttert von meiner gewaltigen Stärke.

Das erste der beiden Rätsel vom Wein (Nr. 50: De vino) handelt von der Herstellung des Rebensafts in der Kelter (1-3) und der Wirkung des alkoholischen Getränks auf die Menschen (4-6) – ein in der antiken und mittelalterlichen Literatur beliebtes Thema. Die Metaphern von Mutterschaft, Geburt, Tod und Gewalt sind dieselben wie bei der Weinrebe (Nr. 12), nur dass das blutige Drama der Rebenmutter und ihrer Trauben-Kinder sich hier in die nächste Generation fortsetzt. Nun nämlich sind die Trauben die vielen »Mütter«, aus denen der sprechende Wein »geboren« wird (1) und diese dabei verwundet und »tot« in der Weinpresse zurücklässt (2-3). Das Opfer aber verleiht wiederum dem Kind »Macht« über die menschlichen Peiniger (4), denn während der Wein jene verschont, die von ihm lassen, so wird er zum Widersacher all derer, die zu viel von ihm trinken (5-6). 

    Mit demselben Gedanken endet auch das zweite Berner Wein-Rätsel (Nr. 63: De vino). Rebe und Kelter sind hier nicht mehr erwähnt, sondern der Wein erscheint gleich zu Beginn in den Bechern der Trinkenden und preist seine Schönheit und verborgene Kraft. In der Welt der Antike und des Mittelalters nahm der Wein nicht nur »den Vorrang« (2) vor allen anderen Getränken ein, sondern gehörte im mediterranen Raum zur alltäglichen Ernährung speziell der oberen Schichten. Wein trank man verdünnt mit Wasser und oft gewürzt sowohl zum Essen aber auch als Heil- und Rauschmittel. Davon handeln die Verse 3-6 des Rätsels, wo der Wein mit seinen täuschenden »Kräften« (3) und seiner »gewaltigen Stärke« (6) sich sogar über »Gesetz und Recht« (4) zu stellen vermag und manch einen täuscht, der ihn ohne rechtes Maß genießt.

    Der Wein ist ein beliebter Rätselgegenstand und begegnet schon in der Sammlung des Symphosius, der nach eigenem Zeugnis seine Dreizeiler für die weinseligen Gelage der römischen Saturnalien dichtete. Von der Rauschwirkung des Weins allerdings handeln erst wieder die frühmittelalterlichen Rätsel, die im klösterlichen Milieu entstanden, wo der Wein wiederum eine wichtige Rolle spielte. Wohl auch deshalb hat man das 63. Berner Rätsel mit dem langobardischen Mönch und Geschichtsschreiber Paulus Diaconus (gest. vor 800) in Verbindung gebracht. Auf ihn könnte sich das Akrostichon PAULUS beziehen, das die Anfangsbuchstaben der sechs Verse bilden (vgl. hierzu die Ausführungen in der Einleitung: »Datierung und Herkunft«). Die Zeilen, die nicht wie alle übrigen Berner Rätsel aus vierzehn, sondern sechzehn Silben bestehen, sind offensichtlich ein karolingischer Zusatz, der in nur zwei Handschriften des 9. Jahrhunderts überliefert ist: einmal (Vaticanus, Reg. Lat. 1553, fol. 14r) zusammen mit dem ersten Wein-Rätsel (Nr. 50) und einmal (Leipzig, Universitätsbibliothek, Rep. I.74, fol. 24r) als eine Art Kolophon im Anhang zu den übrigen Stücken.

Literaturhinweise

 

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Brothwell, R. u. D., Manna und Hirse: Eine Kulturgeschichte der Ernährung, Mainz 1984 (zuerst als Food in Antiquity, London 1969). 

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Heimberg, U., Villa rustica: Leben und Arbeiten auf römischen Landgütern, Darmstadt 2011.

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Lewis, N., Papyrus in Classical Antiquity, Oxford 1974.

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Unwin, T., Wine and the Vine: An Historical Geography of Viticulture and the Wine Trade, London 1991.

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Weeber, K.-W., Die Weinkultur der Römer, Düsseldorf 1999.

Published July 2021

How to quote this site:

Bitterli, Dieter. “Bäume und Nutzpflanzen.” Die Berner Rätsel. 2021. [online]. Available at: https://www.enigmata.ch/baeume-nutzpflanzen